Zwischen Musik und Bürokratie: Wenn aus einem Grenztrip plötzlich Stress wird

Eigentlich wollte ich nur kurz zur Grenze fahren, um mein Passavant zu verlängern. Zehn Minuten, vielleicht eine Stunde – so hatte ich mir das vorgestellt. Diesmal lief es anders. Statt eines neuen Stempels bekam ich plötzlich einen ganz anderen Satz zu hören:

„Il vous faut une carte de résidence.“ (Sie brauchen eine Residence Card.)

Warum, fragte ich. Ich habe einen deutschen Pass, einen internationalen Führerschein, ein gambisches Auto mit allen erforderlichen Unterlagen. Und ich halte mich überwiegend in Senegal auf. Seit einem Jahr bekomme ich ohne Probleme das Passavant für jeweils 30 Tage. Aber der Grenzbeamte erklärte mir, dass ich, wenn ich dauerhaft in Senegal mit dem gambischen Auto fahren möchte, eine gambische Residence-Card vorweisen muss. Und er gab mir ein Passavant für nur 10 Tage mit dem Hinweis, ich solle nach Gambia fahren, um das zu erledigen.

Ich war so wütend, mein erster Impuls war, ich gehe zurück nach Gambia. Dort habe ich all diese Probleme nicht.

Aber meine Wut legte sich recht schnell. Denn nur zwei Tage später hatte ich einen tollen Auftritt in Abene. Zum zweiten Mal trat ich im „chez Vero“ auf. Es waren viele Leute dort und neben mir spielten noch andere Musiker*innen. Mittlerweile kenne ich so viele tolle Leute hier, auch welche aus Europa und sogar Deutschland, die dauerhaft hier leben. Das alles soll ich aufgeben, wegen der blöden Bürokratie? Nein, in mir erwachte der Kampfgeist.

Am Mittwoch Abend fuhr ich nach Gambia und am nächsten Tag fuhr ich früh morgens nach Serekunda zum Immigration Office. Mein bester Freund aus Gambia, Janko, begleitete mich. Er hatte dich bereits im Vorfeld erkundigt, was wir tun müssen.

„Sag, dass du in Sanyang lebst. Sag nicht, dass du in Abene lebst. Sag nur, dass du manchmal dort hinfährst, um Musik zu machen“

Es war voll im Immigration Office, Gefühlt hundert Menschen und es war wahnsinnig laut. Alle redeten durcheinander.

Zunächst brauchte ich einen speziellen Stempel im Pass, der bescheinigt, dass ich die üblichen 28 Tage verlängert habe. Dieser Stempel kostet 2000 Dalasis. Danach bezahlte Janko die Gebühr für das Permit. Weitere 7700 Dalasis. Mit der Quittung gingen wir in den nächsten Flur, wo ich mich in eine Schlange einreihte.

Als ich endlich an der Reihe war, wurden meine Daten in den Computer eingegeben und mir wurde ein Formular überreicht. Mit dieser ging ich zum nächsten Schalter, wo noch ein paar weitere persönliche Daten eingetragen wurden. Mein Familienstand, wo ich in Gambia wohne, was ich beruflich mache usw.

Auf zum nächsten Schalter… doch dort erwartete mich eine böse Überraschung!

„There‘s a mistake“

Ein Fehler im Formular! Statt „First request“ also erster Antrag stand dort „renewal“ also erneuert. Als ich das Formular sah, sah ich noch zwei weitere Fehler. Mein Name war falsch geschrieben: statt Sandner stand dort Sadner und bei der Nationalität stand georgian statt german…

Ich musste damit in die erste Etage, um das korrigieren zu lassen. Janko nahm die Dokumente und meinen Pass und erledigte das, während ich geduldig wartete. Es war heiß auf dem Flur und ich hatte Hunger und Durst. Und auch hier war es wieder sehr voll und sehr laut.

Mit dem korrigierten und neu ausgestellten Formular gingen wir wieder ins Erdgeschoss. Dort wurde wieder alles in den Computer eingegeben und ich durfte zum Foto machen!

Auch hier wurde erst wieder alles in den Computer eingegeben, digitale Fingerabdrücke wurden genommen und das Passfoto aufgenommen. Ich unterschrieb noch digital und bekam eine Bescheinigung, dass meine gambische Permit beantragt wurde!

Vier Stunden habe ich auf dem Amt verbracht aber ich hatte das Dokument, was ich brauche. Und letztendlich habe ich mich gewundert, wie einfach es war, diese Residence-Card zu beantragen.

Die richtige Karte wird in etwa einem Monat fertig sein.

All der Stress fiel von mir ab und ich wäre Janko vor lauter Freude am liebsten um den Hals gefallen. Aber es ist Ramadan und da geht das nicht.

Am nächsten Abend hatte ich noch einen schönen Auftritt in der Mama Mia‘s Bar in Sanyang. Mit Marie, der schwedischen Inhaberin, verbindet mich mittlerweile eine schöne Freundschaft.

Und irgendwie fasziniert mich mein Leben zwischen Musik und dem Alltag. Auch wenn es manchmal alles andere als einfach ist. Aber ich wachse daran.

Wenn Recht haben nicht reicht

Wie ich auf einer Polizeiwache in Senegal ruhig blieb – und warum das den Unterschied machte.

Ich dachte, ich kenne das Prozedere:

Kontrolle. Papiere zeigen. Freundlich lächeln. Ein paar Sätze Smalltalk. Weiterfahren.

So läuft das hier. Ich fahre seit einem Jahr mit meinem gambischen Auto durch Senegal, war unzählige Male an Grenzen, wurde kontrolliert, habe diskutiert, gelächelt, genickt – und meistens war nach fünf Minuten alles erledigt.

Doch diesmal nicht. Diesmal wurde aus einer Kontrolle plötzlich eine Diskussion. Und aus der Diskussion ein Problem.

Aber der Reihe nach: ich war in Ziguinchor, um endlich einige Dinge abzuholen: Kleidung, Handtücher, meine Stative, mein Koraständer usw. Der Kofferraum war voll, zwei kleine Taschen hinter dem Beifahrersitz auf dem Boden. Es war nachmittags und ich wollte zurückfahren, um noch im Hellen in Abene anzukommen.

Am Ortsausgang von Ziguinchor, vor der Brücke, die über den großen Fluss führt, wird kontrolliert. Immer, ich kenne das bereits. Meine Papiere habe ich deshalb griffbereit: internationaler Führerschein, Versicherungskarte und – ganz wichtig – das Passavant, eine Art Visum fürs Auto, denn ich habe ja ein gambisches Auto.

Normalerweise kann ich dann weiterfahren. Nicht diesmal. Der Polizist fragte mich nach meiner gambischen Residence-Card.

Ich schaute ihn mit großen Augen an. Er erklärte mir, wenn ich mit dem gambischen Auto in Senegal fahren möchte, brauche ich eine gambische Residence-Card. Ich fragte: „Seit wann? Ich fahre seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal, habe etliche Male die gambisch-senegalesische Grenze passiert und mir dieses Passavant ausstellen lassen. Noch nie hat man mich dort nach einer Residence-Card gefragt.

Aber der Polizist ließ sich nicht umstimmen. Er nahm meinen Führerschein und das Passavant mit und ich wurde von einem anderen Mitarbeiter zur Polizeiwache eskortiert.

Und da wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Es war die selbe Polizeiwache wie letztes Jahr, mit Moctar. Und es war der selbe Beamte. Und wieder wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Der Beamte öffnete seine Bürotür und sagte, ich hätte keine gambische Residence-Card und ich müsste Strafe zahlen. Ich habe nicht verstanden, wie viel und ich wollte nicht noch mal nachfragen. Stattdessen sagte ich: „Ich werde nichts zahlen“. Der Beamte schloss die Tür wieder von innen und ließ mich im Wartezimmer stehen. Okay, das wird jetzt also ein Machtspiel, sagte ich zu mir selbst und hängte hinterher: und das werde ich nicht verlieren.

Kurz darauf kam Moctar. Er erklärte dem Beamten, dass ich seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal rumfahre und etliche Male das Passavant habe machen lassen und noch nie hätte jemand nach einer Residence-Card gefragt. Doch der Beamte zuckte nur mit der Schulter und forderte mich auf, ihm den Autoschlüssel auszuhändigen. Ich weigerte mich, eine Stunde lang. Da wurde er wütend und sagte, wenn ich ihn nicht freiwillig abgebe, nehmen sie ihn mit Gewalt.

Wütend habe ich den Schlüssel auf den Tisch gelegt und die deutsche Botschaft in Dakar angerufen.

Der Mitarbeiter hörte sich alles an, stellte noch ein paar Fragen und bot an, mit dem Beamten zu reden. Aber der wollte nicht. Ich hab den Lautsprecher eingeschaltet und langsam kam das Gespräch in die Gänge. Bis zu dem Punkt, wo der Mitarbeiter der Botschaft fragte, wo er denn diese Regelung nachlesen könnte. Schweigen…

Klar, es gibt sie ja nicht.

Der Beamte meinte, er macht jetzt Feierabend. Ich durfte noch meinen Rucksack aus dem Auto holen und dann habe ich mir ein Hotel gesucht, nur wenige Meter von der Polizeiwache entfernt.

Am nächsten Morgen bin ich wieder hin und jetzt kommt das Wunderbare: ich bekam meinen Schlüssel ausgehändigt und konnte fahren. Ohne Strafgebühr. Einfach so!

Am Ortsausgang musste ich wieder die Polizeikontrolle passieren und meinen Führerschein und das Passavant abholen. Erst wollten sie mir meine Dokumente nicht geben aber dann hatte jemand die Idee, zu telefonieren. Und dann ging alles sehr schnell und ich hatte alles wieder in meinen Händen.

Ich weiß, dass im Hintergrund ein paar gute und mächtige Kräfte am Werk waren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Auf mich bin ich stolz, ich bin nicht eingeknickt, ich habe mich nicht einschüchtern lassen! Die Nacht im Hotel hat mich 30€ gekostet. Die Polizei hat 0,00 von mir bekommen. Das ist das, was für mich zählt.

An diesem Tag war ich meine eigene Heldin.

Wenn Hilfe keinen Preis hat

Letzte Woche lernte ich in Gambia eine Gruppe von spanischen Zahnärzt*innen kennen. Sie kommen seit über 14 Jahren jedes Jahr hierher nach Sanyang, um eine Woche lang freiwillig und unentgeltlich die Bevölkerung zu behandeln. Sie nehmen dafür ihren privaten Urlaub. Und sie bezahlen alles, Flug, Unterkunft, Essen usw. von ihrem eigenen Geld.

Letzten Dienstag habe ich sie fotografisch bei ihrer Arbeit begleitet und ich bin tief beeindruckt.

Als ich ankomme, sitzen etwa 50 Menschen draussen auf Bänken, dicht an dicht. Sie warten geduldig, bis sie an die Reihe kommen. Erst müssen sie sich anmelden und es wird geschaut, ob ein Zahn (oder sogar mehrere) gezogen wird oder ob ein Zahn eine Füllung benötigt.


Im Krankenhaus werden die Patient*innen in zwei Flügeln behandelt: der linke Flügel ist Zähne ziehen, der rechte Flügel ist Zähne füllen und reinigen. Dazwischen ist ein abgetrennter Raum, wo die Instrumente gereinigt und sterilisiert werden.
Alle arbeiten hochkonzentriert und Hand in Hand, dabei treffen hier Ärzt*innen aufeinander, die in Spanien an komplett unterschiedlichen Orten leben und arbeiten. Im Hintergrund läuft spanische Musik: Despacito und so etwas in der Art.

Ich werde freudig begrüßt und mache mich an meine Arbeit. Ich darf alles fotografieren, die Patient*innen wissen davon und haben ihr Einverständnis gegeben. Ich verschaffe mir zunächst einen Überblick und dann lege ich los.
Natürlich versuche ich, möglichst unauffällig und diskret im Hintergrund zu bleiben und niemanden bei der Arbeit zu beeinträchtigen. Aber manchmal gehe ich auch sehr nah ran.

Auch Kinder werden behandelt und sie sind verdammt tapfer!

Mich berühren viele Momente, zum Beispiel als das kleine Kind auf dem Schoß seiner Mutter sitzt als ihr ein Zahn gezogen wird.

Oder als ein wildfremder Mann, der als Dolmetscher vor Ort ist, die Hand einer Patientin nimmt, weil sie große Angst vor der Betäubungsspritze hat.

Im rechten Flügel, wo Füllungen gesetzt und Zähne gereinigt werden, geht es etwas entspannter zu. Als ich den Raum betrete, tönt gerade „Despacito“ laut aus den Boxen.

Alle lachen, die, die noch auf ihre Behandlung warten und die, die ihre Behandlung hinter sich haben.

Lachen vermischt sich mit Dankbarkeit. Dankbarkeit für diese fantastische Gruppe, die eine Woche lang unentgeltlich die gambische Bevölkerung behandelt.

Im Dazwischen

Was passiert in mir, wenn noch nichts abgeschlossen ist und ich dennoch weitergehe?

Die letzten Tage ist sehr viel passiert aber nichts ist zu Ende gegangen. Ich schreibe also über lose Fäden, Anfänge und über ungelegte Eier. Ich schreibe aus Gambia, ich habe mir eine Woche Urlaub genommen. Klingt lustig? Ist es auch.
Eigentlich wollte ich meine Autoversicherung erneuern und Bekannte und Freunde besuchen, die ich seit einem Jahr nicht gesehen habe.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt stand ich in Sanyang am Strand, wo ich mir ein Zimmer gebucht habe.
Und seitdem geht es bäng-bäng-bäng.

Ich treffe meinen besten Freund hier, der mir bei der Autoversicherung hilft und mein Auto für einen Ölwechsel in die Werkstatt bringt. Ich treffe Marie, eine bezaubernde Frau aus Schweden, die in Sanyang die Mama Mia’s Bar betreibt – dort werde ich am Samstag singen. (Wie seltsam: Ich schreibe über etwas, das noch nicht passiert ist, und wenn ihr das lest, ist es bereits Vergangenheit.)
Ich begegne vielen Bekannten: am Strand, auf dem Markt, bei ihnen zu Hause. Alles greift ineinander, ohne dass ich es geplant hätte.

Am Freitag bin ich im Bird Garden, einem Veranstaltungsort mit vielen Bäumen und Pflanzen.
Die Manding Maballa Band spielt. Ich kenne sie seit drei Jahren, und wie so oft darf ich mitsingen: Miniyamba.
Ein Koraspieler, ein paar Trommeln. Keine Probe. Und trotzdem passt alles.
Immer wieder fasziniert mich das.

Eine Gruppe spanischer Zahnärzte ist auch dort. Sie sind für ein paar Tage hier, um Menschen in Sanyang freiwillig zu behandeln. Sie laden die Band und mich für kommenden Donnerstag zu einer Party ein. Und ja – das macht mich stolz.

Auch in Abene warten weitere Auftritte auf mich. Vieles fügt sich gerade, ohne dass ich es festhalte oder absichere.

Es fühlt sich an, als würde alles von alleine laufen. Aber vielleicht stimmt etwas anderes mehr:
Ich lasse es laufen.

Nicht alles ist abgeschlossen. Nicht alles ist geklärt. Und doch gehe ich weiter.
Genau darin liegt im Moment meine größte Ruhe und meine größte Stärke.

Manche Wochen wollen einfach nur sein

Manche Wochen wollen nicht erklärt werden. Sie wollen ausgehalten werden.

So wie diese Woche.

Sie plätscherte irgendwie so dahin – ohne Höhepunkt, ohne große Erkenntnis. Und vielleicht war genau das ihr Thema.

Am Sonntag habe ich mir kurzfristig eine Nacht in einem Guesthouse gegönnt. Unser Badezimmer ist noch immer nicht fertig, es regnete, und die Vorstellung, nachts hundert Meter zum Klo der Nachbarn zu laufen, war einfach keine gute. Also bin ich gegangen. Nicht aus Drama, sondern aus Pragmatismus.

Am Montagmorgen fuhr ich zurück und blieb mit dem Auto im Sand stecken. Darüber habe ich in meinem letzten Blogartikel schon ausführlich geschrieben. Am Abend fuhr auch Moctar zurück nach Ziguinchor zu seiner Familie, und ich war allein.
Alleinsein macht mir keine Probleme. Auch hier nicht. Und streng genommen bin ich es ja nicht. Es gibt Nachbarn, Gespräche, gemeinsame Routinen.

Die Tage folgen einem gleichmäßigen Muster: morgens Wasser holen, duschen, einkaufen: Frühstück, Fisch und Gemüse für den Tag. Einer meiner Nachbarn kocht für uns auf offenem Feuer. Dafür bin ich sehr dankbar – ich wäre damit überfordert. Ich bin mit einem Elektroherd aufgewachsen, nicht mit Holz und Geduld.

An einem Vormittag habe ich Wäsche gewaschen. Mit der Hand, wie hier üblich. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit dabei entsteht. Zeit zum Nachdenken, Musik hören, den Vögeln lauschen. Fast meditativ.

Ich übe täglich auf meiner Kora, wir trinken Attaya, irgendwann gibt es Abendessen. Abends sitzen wir am Feuer, erzählen uns etwas, und irgendwann gehen wir schlafen.

Am Mittwochabend habe ich zum ersten Mal das Rauschen des Atlantiks gehört. Obwohl wir über einen Kilometer vom Strand entfernt sind, tragen die Wellen bis zu uns – wenn es ruhig genug ist. In den letzten Tagen war das selten der Fall. Zu viele Feste, zu viel Musik.
Aber an diesem Abend war es still. Nur Grillen, Wind, Wellen.
Ich habe viele Jahre davon geträumt, ein Häuschen am Meer zu haben.
Und plötzlich war dieser Traum einfach da. Still. Unaufgeregt. Nichts daran musste gelöst oder erklärt werden.

Am Donnerstag kamen gute Nachrichten: Meine Sachen, die ich mit dem Container aus Essen verschickt hatte, waren abholbereit. Endlich! Für Freitag wurde ein Fahrer organisiert und wir fuhren nach Gambia.

Die Fahrt dauerte jeweils zweieinhalb Stunden, unterbrochen von drei Grenzkontrollen.
Meine Sachen waren vollständig und innerhalb weniger Minuten war alles im Auto und auf dem Dach verstaut, dann ging es zurück.

Ich war erleichtert, als wir wieder in Abene ankamen. Die Luft auf den Straßen Gambias ist heiß, stickig, voller Abgase. Hier ist sie klarer, leichter. Und es ist kühler.

Moctar war ebenfalls zurück. Gemeinsam mit Jean baute er das Bett auf – ein Ikea-Bett. Die Aufbauanleitung wurde konsequent ignoriert. Ergebnis: zwei Stangen müssen nun noch einmal neu angebracht werden, weil die Bohrlöcher nach vorne zeigen statt nach hinten. Aber ansonsten: keine Schraube übrig und das Bett steht stabil.

Besonders gefreut hat Moctar die Gitarre, die ich mitgeschickt hatte. Eine für Linkshänder. Für mich habe ich auch eine mitgeschickt. Jetzt können wir zusammen spielen.

Vielleicht ist das gerade mein Zustand: nicht alles einordnen, nicht alles bewerten, nicht alles erzählen. Manche Wochen wollen nicht erklärt werden.

Sie wollen einfach nur sein.

Ende gut, alles gut

Heute morgen dachte ich noch, ich werde meinen Flug verpassen.
Aber der Reihe nach. Gestern lief unser Passavant ab. Das ist diese spezielle Einfuhrgenehmigung fürs Auto. Es war 30 Tage gültig und ausgerechnet gestern endeten diese 30 Tage.
Moctar, mein senegalesischer Ehemann wollte sich um die Verlängerung kümmern aber er war zwei Tage in Kafountine und sein Bus hatte ordentlich Verspätung, da hatte das Amt schon geschlossen.
Er fuhr zur Grenze nach Guinea-Bissau, das ist von Ziguinchor etwa eine halbe Stunde entfernt. Aber die Grenze schließt abends um 18 Uhr.
Mist, ohne Passavent können wir nicht fahren, wir müssen also morgen früh zum Amt und diese Verlängerung machen lassen.
Aber das Amt öffnet zwischen 9:30 Uhr und 10 Uhr, afrikanische Zeit

Ich dachte okay, wir packen alles ins Auto, fahren dort kurz hin und fahren dann weiter. Aber wir mussten mit dem Taxi fahren, denn wären wir in eine Polizeikontrolle gekommen – und von denenb gibt es viele – hätten wir ein Problem gehabt.

Wir also mit dem Taxi hin. Das Büro war gottseidank schon geöffnet und niemand sonst wartete. Der Officer war sehr nett und gab uns sofort den Stempel.
Also mit dem Taxi wieder zurück.
Es war etwa 10:15 Uhr, als wir zurückkamen und wir mussten uns nur noch ins Auto setzen.

Der Abschied von allen fiel mir schwer aber ich komme ja wieder.

Kurz hinter Ziguinchor wurden wir kontrolliert. Diesmal ging es nicht um Passavant oder Führerschein sondern um mein Gepäck. Meine Handtasche und mein kleiner Koffer wurden durchsucht. Drogen, speziell Gras. Ich schaute belustigt zu, ich hab ja noch nie in meinem Leben Drogen konsumiert. Und ein bisschen habe ich bedauert, dass ich nicht wenigstens einen anständigen Dildo im Koffer hatte.

Der Rest der Fahrt bis zur Grenze war dann unproblematisch. Unterwegs kauften wir noch Mangos, ich hatte versprochen, Mangos mitzubringen.
In Bignona habe ich 8 Mangos für 1000 cfa bekommen, das sind umgerechnet etwa 1,50 Euro.
Auch an der Grenze gab es keine Probleme. Wir waren so gut in der Zeit, dass wir noch was essen konnten.

Und nun sitze ich am Flughafen und warte auf meinen Check-in. Mein Mann ist bereits zurückgefahren, denn die Grenze zwischen Gambia und Senegal schließt um 19 Uhr. Und je nachdem, wie der Verkehr ist, würde es knapp werden. Ausserdem ist die Straße von Diouloulou nach Ziguinchor im Dunkeln nicht gut zu fahren.

Hinter mir liegt nun ein halbes Jahr Afrika.
Ich wollte ursprünglich 1/2 Jahr in Gambia bleiben und dort viel in Sachen Musik lernen: hauptsächlich traditionelle Mandinka-Songs, Kora spielen, trommeln.
Drei Wochen wollte ich in Abene (Senegal) verbringen, ich hatte mich dort zu einem Workshop angemeldet.
Ich wollte fotografieren, hauptsächlich Menschen, Frauen.

Ich hatte von allem etwas. Ich hatte mich getrennt (ich war zwei Jahre mit einem Mann in Gambia zusammen) und den Dezember habe ich alleine sehr genossen. Ich kenne etliche Menschen in Gambia, ich hatte viel Besuch, hab viel unternommen, hab mich mit vielen Bekannten getroffen.

Und dann kam Abene und ich hab mich neu verliebt. Das war weder geplant noch gewollt. Aber irgendwas hat mein Herz berührt.

Ich hab (traditionell) geheiratet, bin von Gambia nach Senegal gegangen Und hier habe ich einen absolut authentischen Blick vom Leben in der Casamance bekommen.

Ich habe meine Lieder gelernt, ich habe Fortschritte auf der Kora gemacht.

Ich könnte jetzt noch so viel mehr schreiben aber alles in allem war es eine aufregende, wertvolle und sehr schöne Zeit für mich, mitunter hat sie mich an meine Grenzen gebracht.

Ich nehme sehr vieles mit. Und ich werde wiederkommen, nächsten Winter.

Attaya – die Kunst des Tee trinkens

Überall in Gambia und Senegal wird Attaya getrunken, ein Getränk aus grünem (Gunpowder) Tee und viel Zucker.

Er wird in kleinen emaillierten Kännchen gekocht, oft auf der Glut von Holzkohle. Für das Kochen nimmt man sich Zeit, viel Zeit. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis der Attaya fertig ist.

Der Tee wird im Kännchen gekocht, mit viel Zucker. Allein das ist schon toll, denn es duftet oft nach Karamell.

Wenn der Tee lange genug vor sich hingeköchelt hat, beginnt das eigentliche Prozedere: Der Tee wird in ein kleines Glas geschüttet und wird ganz oft in ein zweites Glas umgeschüttet. Und dann geht das immer hin und her, einige Male. Danach kommt der Tee wieder zurück ins Kännchen und köchelt wieder ein paar Minuten. Und dann wird er wieder hin und hergegossen, von einem Glas ins nächste.

Mit der Zeit bildet sich eine dichte Schaumkrone, die entsteht durch den Zucker. Und diese verbleibt auch im Glas.

Wer jetzt denkt, der Attaya sei jetzt trinkfertig, der irrt. Er kommt wieder zurück ins Kännchen. Und so geht es weiter und weiter, etwa 1/2 Stunde. Dabei wächst diese typische Schaumkrone.

Wenn der Attaya trinkfertig ist, werden die Gläser von außen mit Wasser abgespült, damit sie nicht kleben (Zucker!). Und dann wird in hohem, dünnen Strahl der Tee in die Gläser gegossen.

Damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie das Ganze abläuft, habe ich vor etwa 2 Jahren ein Video gedreht. Und habe 30 Minuten auf etwa 5 Minuten runtergeschnitten.

Es gibt immer nur zwei Gläser und die ersten beiden Gläser bekommen die, die in dieser Runde die wichtigsten, ältesten, ranghöchsten, was auch immer sind. Wenn die ersten beiden ausgetrunken haben, wird Attaya nachgeschüttet und die nächsten beiden bekommen ein Glas. Und nein, die Gläser werden zwischendurch nicht gespült.

Oft bekomme ich eines der beiden ersten Gläser, ein Zeichen der hohen Gastfreundschaft.

Wenn man den Attaya trinkt, lässt man die Schaumkrone im Glas. Niemals schleckt man diese Schaumkrone mit der Zunge oder dem Finger heraus!

Wenn ihr in Gambia oder Senegal Urlaub macht, sucht Attaya nicht auf der Getränkekarte, ihr werdet ihn nicht finden.

Geht zum Strand oder in die Viertel und wenn ihr jemanden seht, der Attaya kocht, fragt einfach, ob ihr probieren dürft. So habe ich das schon ganz oft gemacht.

Weihnachten unter Palmen

Zum ersten Mal habe ich Weihnachten ohne meine Familie verbracht.

Spoiler: es war keine schlechte Entscheidung. 😉

Für zwei Nächte habe ich mich im Kinkilibar eingebucht. Das ist eine kleine Lodge am Paradise-Beach in Sanyang. Ich kenne Papa und seinen Bruder Lamin persönlich und wusste, das wird eine schöne Zeit dort für mich werden.

Am Nachmittag des 24.12. komme ich dort an. Mein kleiner Ford Fiesta hat die holprige Sandstrasse mühelos bewältigt. Würde es nicht regnen, würde ich mich auf eine der Liegen legen. Echt wahr: es hat am 24.12. geregnet! Normalerweise regnet es im Dezember nicht, von November bis Juni ist Trockenzeit in Gambia. Also sitze ich auf der überdachten Terrasse und lasse mir einen frischen Juice servieren. Banane und Orange. Lecker!

Am Abend genieße ich mein Dinner unter Palmen, mit Blick aufs Meer. Ich bin alleine. Das Essen ist lecker, es gibt gegrillten Fisch mit Pommes (aus frischen Kartoffeln) und Salat.

Ich gehe früh ins Bett, das Rauschen der Wellen schaukelt mich sanft in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf und mache einen Strandspaziergang. Noch steht die Sonne nicht am Himmel, noch ist es nicht so heiß. Und noch sind kaum Leute am Strand.

Ich habe Hunger und ich bekomme ein wunderschönes Frühstück, wieder unter Palmen. Frische Papaya, Omelett, frisches Tapalapa (Brot), Erdnussbutter und Marmelade… mir geht es so gut hier!

Den Rest des Tages verbringe ich auf der Sonnenliege am Strand, schlafend. Eigentlich wollte ich lesen aber das Rauschen der Wellen entspannt mich und macht mich müde.

Am nächsten Morgen fahre ich zurück in meine kleine Wohnung, ich muss packen, für drei bis vier Wochen Abene, eine Stadt in Senegal. Ich werde dort mit anderen Leuten trommeln, tanzen, Kora spielen, auf Festivals gehen und eine gute Zeit haben. Morgen früh geht es los…

Off-Day im Mama Folonka

Mein „Hausstrand“, der Paradise-Beach in Sanyang ist schön, ich mag ihn sehr und es sind nur etwa 5 km von meiner kleinen Wohnung bis dorthin.
Aber es gibt Tage, da ist mir am Strand von Sanyang zu viel los. Und neulich war so ein Tag. Ich wollte Ruhe, absolute Ruhe. Und so bin ich nach Kartong gefahren, ganz im Süden von Gambia.
Das hört sich jetzt nach einer langen Fahrt an aber Gambia ist ein kleines Land, die Autofahrt dauert etwas mehr als 1/2 Stunde inklusive ein paar Straßenkontrollen, die man passieren muss.

Ich fuhr, ohne gefrühstückt zu haben. Ich wollte dort frühstücken, im Mama Folonka. Eine Lodge, von der ich schon viel Gutes gehört habe.
Ich packte meine Kora ins Auto, den Rucksack mit Handtüchern und Sonnencreme und fuhr los.

Im Mama Folonka wurde ich sehr nett begrüßt, so als wäre ich schon etliche Male da gewesen. Dabei war ich zum ersten Mal dort.
Ich erwähnte, dass ich noch nicht gefrühstückt hatte und ob ich etwas zu essen bekommen könnte.
Die Köchin zauberte mir ein herrliches Omelett. Ich ass auf der Terrasse, mein Blick schweifte runter auf den Strand und das Meer. Einfach nur toll!

Es war noch ein anderer Gast auf der Terrasse, am Nachbarstisch. Eine junge Frau aus der Schweiz. Sie fragte mich, woher ich käme und als ich sagte „aus Deutschland“ fragte sie, aus welchem Teil? Ich antwortete: „aus Nordrhein-Westfalen, aus dem Ruhrgebiet“.
„oh!“, sagte sie, „mein Freund kommt auch ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, er ist in Bottrop aufgewachsen, vielleicht kennst du die Stadt?“
Ich prustete los vor Lachen. „Ja, das ist die Stadt, in der ich lebe!“
Himmel, wie klein die Welt doch manchmal ist.
Etwas später kam ihr Freund dann hoch zu uns, er war surfen, also echtes surfen, nicht im Internet surfen. Sondern so richtig mit Surfbrett auf dem Atlantik.

Nach meinem Frühstück nahm ich meine Kora und meinen Rucksack und ging die paar Stufen zum Strand hinunter, suchte mir eine schöne Liege unter dem Pavillion aus getrockneten Palmenblättern.
Und hier blieb ich nun den ganzen Nachmittag bis zum Abend.
Ich habe Kora geübt, das ist am Strand noch mal etwas ganz anderes als wenn man vor dem Haus sitzt.

Diese Stille und Ruhe dort habe ich sehr genossen, nur ein paar Kühe laufen über den Strand.

Keine Obstverkäufer, keine Händler, die einem irgendwelche Souvenirs verkaufen wollen. Und vor allem: keine Beachboys!
Am frühen Abend sah ich auf dem Wasser ein paar Fischerboote, die zurückkehrten. Die bunten Boote sieht man von weitem.
Und kurz vor dem Sonnenuntergang kam eine Mitarbeiterin vom Mama Folonko zu mir und meinte, das Essen sei fertig. Ich hatte nämlich vorab ein Dinner für mich bestellt.
Butterfish, das ist der leckere Fisch ohne Gräten.

Und es war lecker! Den Sonnenuntergang gab es ohne Aufpreis dazu.

Ich werde wiederkommen, noch einige Male!

Brikama Market II

21. Dezember 2024

Ich muss meine Dreads oder wie man hier sagt, meine Rastas machen lassen. Neulich habe ich ja einen netten Hairdresser auf dem Markt in Brikama gefunden. Ich hab ihn gestern angerufen und meinen „Termin“ für heute vereinbart.

Ich wollte erst noch mal nach diesen tollen gebatikten Laken gucken, ich hätte noch gerne ein weiteres für mein Bett, zum Wechseln. Aboubacar, mein Friseur, begleitet mich und passt auf, dass mich niemand übers Ohr haut. Auf dem Weg zu seinem Shop lerne ich eine seiner Schwestern kennen. Sie hat ebenfalls gebatikte Laken. „Warum hast du nicht eher gesagt, dass deine Schwester auch welche hat?“, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern. Ich sehe eines in Smaragdgrün und Pink und ja, ich kaufe auch dieses. Die Frauen hier brauchen jede Unterstützung. Nun habe ich drei Laken.

Danach führt er mich zu einem anderen Shop. Im Hinterraum sitzen ein paar Frauen: Fatima, Fatima & Fatima. Ehrlich wahr!

Wir machen noch ein paar Selfies und Aboubacar verpasst Fatima noch ein paar schicke Fußnägel.

Nun aber gehen wir zu seinem Salon, wo schon andere Kundinnen auf ihn warten. Okay, ich muss noch warten, er will erst noch die Fingernägel einer Frau machen.

Gut, dann esse ich erst noch was. Direkt gegenüber gibt es einen Essensstand, heute gibt es Benechin, gebratenen Reis.

Während ich esse und warte, werden schräg gegenüber meine Kissenbezüge genäht.

Gegenüber der Schneiderei wird Attaya gekocht. Ich warte sehnsüchtig darauf.

Die Fingernägel sind beinahe fertig. Jetzt noch ein Hennatattoo auf die Hände… und irgendwann werde auch ich dran kommen.