Wenn Recht haben nicht reicht

Wie ich auf einer Polizeiwache in Senegal ruhig blieb – und warum das den Unterschied machte.

Ich dachte, ich kenne das Prozedere:

Kontrolle. Papiere zeigen. Freundlich lächeln. Ein paar Sätze Smalltalk. Weiterfahren.

So läuft das hier. Ich fahre seit einem Jahr mit meinem gambischen Auto durch Senegal, war unzählige Male an Grenzen, wurde kontrolliert, habe diskutiert, gelächelt, genickt – und meistens war nach fünf Minuten alles erledigt.

Doch diesmal nicht. Diesmal wurde aus einer Kontrolle plötzlich eine Diskussion. Und aus der Diskussion ein Problem.

Aber der Reihe nach: ich war in Ziguinchor, um endlich einige Dinge abzuholen: Kleidung, Handtücher, meine Stative, mein Koraständer usw. Der Kofferraum war voll, zwei kleine Taschen hinter dem Beifahrersitz auf dem Boden. Es war nachmittags und ich wollte zurückfahren, um noch im Hellen in Abene anzukommen.

Am Ortsausgang von Ziguinchor, vor der Brücke, die über den großen Fluss führt, wird kontrolliert. Immer, ich kenne das bereits. Meine Papiere habe ich deshalb griffbereit: internationaler Führerschein, Versicherungskarte und – ganz wichtig – das Passavant, eine Art Visum fürs Auto, denn ich habe ja ein gambisches Auto.

Normalerweise kann ich dann weiterfahren. Nicht diesmal. Der Polizist fragte mich nach meiner gambischen Residence-Card.

Ich schaute ihn mit großen Augen an. Er erklärte mir, wenn ich mit dem gambischen Auto in Senegal fahren möchte, brauche ich eine gambische Residence-Card. Ich fragte: „Seit wann? Ich fahre seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal, habe etliche Male die gambisch-senegalesische Grenze passiert und mir dieses Passavant ausstellen lassen. Noch nie hat man mich dort nach einer Residence-Card gefragt.

Aber der Polizist ließ sich nicht umstimmen. Er nahm meinen Führerschein und das Passavant mit und ich wurde von einem anderen Mitarbeiter zur Polizeiwache eskortiert.

Und da wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Es war die selbe Polizeiwache wie letztes Jahr, mit Moctar. Und es war der selbe Beamte. Und wieder wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Der Beamte öffnete seine Bürotür und sagte, ich hätte keine gambische Residence-Card und ich müsste Strafe zahlen. Ich habe nicht verstanden, wie viel und ich wollte nicht noch mal nachfragen. Stattdessen sagte ich: „Ich werde nichts zahlen“. Der Beamte schloss die Tür wieder von innen und ließ mich im Wartezimmer stehen. Okay, das wird jetzt also ein Machtspiel, sagte ich zu mir selbst und hängte hinterher: und das werde ich nicht verlieren.

Kurz darauf kam Moctar. Er erklärte dem Beamten, dass ich seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal rumfahre und etliche Male das Passavant habe machen lassen und noch nie hätte jemand nach einer Residence-Card gefragt. Doch der Beamte zuckte nur mit der Schulter und forderte mich auf, ihm den Autoschlüssel auszuhändigen. Ich weigerte mich, eine Stunde lang. Da wurde er wütend und sagte, wenn ich ihn nicht freiwillig abgebe, nehmen sie ihn mit Gewalt.

Wütend habe ich den Schlüssel auf den Tisch gelegt und die deutsche Botschaft in Dakar angerufen.

Der Mitarbeiter hörte sich alles an, stellte noch ein paar Fragen und bot an, mit dem Beamten zu reden. Aber der wollte nicht. Ich hab den Lautsprecher eingeschaltet und langsam kam das Gespräch in die Gänge. Bis zu dem Punkt, wo der Mitarbeiter der Botschaft fragte, wo er denn diese Regelung nachlesen könnte. Schweigen…

Klar, es gibt sie ja nicht.

Der Beamte meinte, er macht jetzt Feierabend. Ich durfte noch meinen Rucksack aus dem Auto holen und dann habe ich mir ein Hotel gesucht, nur wenige Meter von der Polizeiwache entfernt.

Am nächsten Morgen bin ich wieder hin und jetzt kommt das Wunderbare: ich bekam meinen Schlüssel ausgehändigt und konnte fahren. Ohne Strafgebühr. Einfach so!

Am Ortsausgang musste ich wieder die Polizeikontrolle passieren und meinen Führerschein und das Passavant abholen. Erst wollten sie mir meine Dokumente nicht geben aber dann hatte jemand die Idee, zu telefonieren. Und dann ging alles sehr schnell und ich hatte alles wieder in meinen Händen.

Ich weiß, dass im Hintergrund ein paar gute und mächtige Kräfte am Werk waren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Auf mich bin ich stolz, ich bin nicht eingeknickt, ich habe mich nicht einschüchtern lassen! Die Nacht im Hotel hat mich 30€ gekostet. Die Polizei hat 0,00 von mir bekommen. Das ist das, was für mich zählt.

An diesem Tag war ich meine eigene Heldin.