Wer liegt wo im Bett?

Über Traditionen, Körper und unbewegliche Regeln

Bislang habe ich es vermieden, über die Beziehung zu meinem senegalesischen Mann zu schreiben.

Ich selbst habe damit wenig Probleme, in Deutschland und Tschechien ist es in meinem Umfeld normal, über die Beziehung und auch Beziehungsprobleme zu reden. Und nicht wenige Probleme fanden eine Lösung, weil ich in den Gesprächen mit Freunden wertvolle Gedankenimpulse bekam. Hier in Afrika dagegen spricht man darüber nicht. Aber ich weiß, dass es viele interessiert, mit welchen kulturellen Problemen wir zu kämpfen haben.

Eines dieser Probleme ist, wer wo im Bett liegt. Was haben wir gestritten!

Hier in Westafrika stehen die Betten sehr oft an der Wand, aus Platzgründen. Das heißt, einer von beiden schläft an der Wand, die andere Person schläft vorne.

Normalerweise …

Denn hier in Senegal (und auch in anderen westafrikanischen Ländern) schlafen Männer grundsätzlich vorne im Bett. Das war schon immer so, das hat Tradition.

Die Begründungen dafür sind schnell erzählt: Schutz, Wachsamkeit, Verantwortung. Der Mann liegt zur Tür, zur Welt hin. Er ist derjenige, der im Ernstfall aufsteht, der reagiert, der beschützt.

Klingt archaisch? Ist es auch. Aber archaisch heißt nicht automatisch falsch. Es heißt erst einmal nur: alt. Tief verankert. Kaum hinterfragt.

Lange blieb das für mich theoretisch. Ein kulturelles Detail, über das man stolpert – und dann weitergeht.

Konkret wurde es erst, als wir noch nicht in unserem Haus lebten. Der Putz musste trocknen, das Bett war noch nicht da.

Wir blieben für einige Tage in einer anderen Unterkunft. Dort stand das Bett an der Wand. Ich hab seit über 6 Monate eine Entzündung in Knie. Also wollte ich vorne schlafen, weil es einfacher und mit weniger Schmerzen verbunden ist. Aber Tradition ist Tradition.

Vier Nächte lang schlief ich an der Wand. Vier Nächte lang kletterte ich nachts über meinen Mann, um aufzustehen. Mit Schmerzen. Halb schlafend. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken.

Nach der vierten Nacht wusste ich: Das halte ich nicht durch.

Ich sagte nicht: Das ist unfair.

Ich sagte nicht: Das ist respektlos.

Ich sagte nur: „Lass uns in unser Haus ziehen.“

Ein Zimmer des Hauses war bezugsfertig, mein Bett aber noch nicht angekommen. Also kaufte ich für den Übergang eine Matratze und legte sie auf den Boden.

Zur Wand war jetzt etwa ein Meter Abstand. Ich dachte: Problem gelöst. Ich legte mich rechts hin. So kann ich besser aufstehen, speziell mit meinem kaputten Knie.

Aber Wand ist Wand. Denn die Tür war rechts. Und damit war klar: Der Mann liegt vorne, also rechts.

Egal, ob das Bett direkt an der Wand steht oder einen Meter davon entfernt. Egal, ob es ein Bett ist oder nur eine Matratze auf dem Boden.

Ich fragte irgendwann: „Wer soll hier eigentlich nachts einbrechen? Zwei schwere Metalltüren. Dreifach abgeschlossen. Zusätzlich ein dicker Metallriegel von innen.“

Das Argument nutzte nichts. Tradition ist nicht logisch. Sie ist loyal sich selbst gegenüber.

Also stellte ich die Matratze erneut um. Nicht mehr quer zur Wand, sondern längs. Die Wand nun am Kopfende, die Tür an der Fußseite.

Und erst dann – nach mehreren Umzügen, Umbauten und Neuordnungen – konnte ich endlich rechts liegen.

Nicht, weil sich eine Tradition bewegt hätte. Sondern weil ich den Raum so lange verschoben habe, bis mein Körper hineinpasste.

Nach etwa drei bis vier Wochen war das zweite Zimmer fertig. Auch mein Bett war inzwischen aus Deutschland angekommen – inklusive Matratze.

Seitdem schläft mein Mann oft in diesem zweiten Zimmer.

Und ich allein in meinem.

Irgendwann fragte ich mich – und später auch ihn, wie das eigentlich zusammenpasst: Einerseits vorne im Bett liegen, um mich zu beschützen. Und mich andererseits alleine schlafen zu lassen.

Die Antwort kam ohne Zögern: „Hier kann niemand hinein. Alles ist abgeschlossen. Und der dicke Metallriegel ist von innen vorgeschoben.“

Aha.

Plötzlich war Schutz keine symbolische Aufgabe mehr. Sondern eine theoretische. Plötzlich reichten Schlösser, wo vorher Präsenz gemeint war.

Erst da begriff ich, was hier eigentlich passierte. Es ging nicht um Möbel. Nicht um Platzmangel. Nicht einmal um Schlafpositionen.

Es ging darum, dass sich alles bewegen ließ –außer der Regel selbst.

Ich habe Verständnis für Traditionen. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass sich ein Körper einem Symbol unterordnen soll. Schon gar nicht meiner.