Wenn Hilfe keinen Preis hat

Letzte Woche lernte ich in Gambia eine Gruppe von spanischen Zahnärzt*innen kennen. Sie kommen seit über 14 Jahren jedes Jahr hierher nach Sanyang, um eine Woche lang freiwillig und unentgeltlich die Bevölkerung zu behandeln. Sie nehmen dafür ihren privaten Urlaub. Und sie bezahlen alles, Flug, Unterkunft, Essen usw. von ihrem eigenen Geld.

Letzten Dienstag habe ich sie fotografisch bei ihrer Arbeit begleitet und ich bin tief beeindruckt.

Als ich ankomme, sitzen etwa 50 Menschen draussen auf Bänken, dicht an dicht. Sie warten geduldig, bis sie an die Reihe kommen. Erst müssen sie sich anmelden und es wird geschaut, ob ein Zahn (oder sogar mehrere) gezogen wird oder ob ein Zahn eine Füllung benötigt.


Im Krankenhaus werden die Patient*innen in zwei Flügeln behandelt: der linke Flügel ist Zähne ziehen, der rechte Flügel ist Zähne füllen und reinigen. Dazwischen ist ein abgetrennter Raum, wo die Instrumente gereinigt und sterilisiert werden.
Alle arbeiten hochkonzentriert und Hand in Hand, dabei treffen hier Ärzt*innen aufeinander, die in Spanien an komplett unterschiedlichen Orten leben und arbeiten. Im Hintergrund läuft spanische Musik: Despacito und so etwas in der Art.

Ich werde freudig begrüßt und mache mich an meine Arbeit. Ich darf alles fotografieren, die Patient*innen wissen davon und haben ihr Einverständnis gegeben. Ich verschaffe mir zunächst einen Überblick und dann lege ich los.
Natürlich versuche ich, möglichst unauffällig und diskret im Hintergrund zu bleiben und niemanden bei der Arbeit zu beeinträchtigen. Aber manchmal gehe ich auch sehr nah ran.

Auch Kinder werden behandelt und sie sind verdammt tapfer!

Mich berühren viele Momente, zum Beispiel als das kleine Kind auf dem Schoß seiner Mutter sitzt als ihr ein Zahn gezogen wird.

Oder als ein wildfremder Mann, der als Dolmetscher vor Ort ist, die Hand einer Patientin nimmt, weil sie große Angst vor der Betäubungsspritze hat.

Im rechten Flügel, wo Füllungen gesetzt und Zähne gereinigt werden, geht es etwas entspannter zu. Als ich den Raum betrete, tönt gerade „Despacito“ laut aus den Boxen.

Alle lachen, die, die noch auf ihre Behandlung warten und die, die ihre Behandlung hinter sich haben.

Lachen vermischt sich mit Dankbarkeit. Dankbarkeit für diese fantastische Gruppe, die eine Woche lang unentgeltlich die gambische Bevölkerung behandelt.

Im Dazwischen

Was passiert in mir, wenn noch nichts abgeschlossen ist und ich dennoch weitergehe?

Die letzten Tage ist sehr viel passiert aber nichts ist zu Ende gegangen. Ich schreibe also über lose Fäden, Anfänge und über ungelegte Eier. Ich schreibe aus Gambia, ich habe mir eine Woche Urlaub genommen. Klingt lustig? Ist es auch.
Eigentlich wollte ich meine Autoversicherung erneuern und Bekannte und Freunde besuchen, die ich seit einem Jahr nicht gesehen habe.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt stand ich in Sanyang am Strand, wo ich mir ein Zimmer gebucht habe.
Und seitdem geht es bäng-bäng-bäng.

Ich treffe meinen besten Freund hier, der mir bei der Autoversicherung hilft und mein Auto für einen Ölwechsel in die Werkstatt bringt. Ich treffe Marie, eine bezaubernde Frau aus Schweden, die in Sanyang die Mama Mia’s Bar betreibt – dort werde ich am Samstag singen. (Wie seltsam: Ich schreibe über etwas, das noch nicht passiert ist, und wenn ihr das lest, ist es bereits Vergangenheit.)
Ich begegne vielen Bekannten: am Strand, auf dem Markt, bei ihnen zu Hause. Alles greift ineinander, ohne dass ich es geplant hätte.

Am Freitag bin ich im Bird Garden, einem Veranstaltungsort mit vielen Bäumen und Pflanzen.
Die Manding Maballa Band spielt. Ich kenne sie seit drei Jahren, und wie so oft darf ich mitsingen: Miniyamba.
Ein Koraspieler, ein paar Trommeln. Keine Probe. Und trotzdem passt alles.
Immer wieder fasziniert mich das.

Eine Gruppe spanischer Zahnärzte ist auch dort. Sie sind für ein paar Tage hier, um Menschen in Sanyang freiwillig zu behandeln. Sie laden die Band und mich für kommenden Donnerstag zu einer Party ein. Und ja – das macht mich stolz.

Auch in Abene warten weitere Auftritte auf mich. Vieles fügt sich gerade, ohne dass ich es festhalte oder absichere.

Es fühlt sich an, als würde alles von alleine laufen. Aber vielleicht stimmt etwas anderes mehr:
Ich lasse es laufen.

Nicht alles ist abgeschlossen. Nicht alles ist geklärt. Und doch gehe ich weiter.
Genau darin liegt im Moment meine größte Ruhe und meine größte Stärke.

Aus alt wird neu

Es gibt Investitionen, die fühlen sich nicht nach Luxus an, sondern nach Konsequenz.

Letztes Jahr habe ich mir in Senegal eine Kora fertigen lassen. Damit ich eine gute Zuhause in Deutschland bzw. Tschechien habe und eine gute hier in Senegal. Es kostet schließlich jedesmal 90€, sie im Flugzeug mitzunehmen. 3x fliegen = 1 neue Kora.

Ich hatte bei meiner damaligen alten Kora das Problem, die F-Oktave zu greifen. Deshalb ließ ich eine Kora bauen, wo die Haltestäbe näher beieinander stehen, so war es leichter, die Oktave zu greifen.

Aber in wenigen Wochen merkte ich, es ist nicht meine Kora, irgendwas ist nicht richtig, sie sitzt nicht. Ich konnte zwar die beiden F-Saiten gemeinsam greifen aber dafür hatten die Finger nicht ausreichend Platz für die hinteren Saiten, was das Spielen einiger Passagen deutlich erschwerte.

Letztendlich flog ich mit der alten Kora nach Hause und habe während des Sommern gemerkt, es ist nur eine Frage des Übens. Am Ende des Sommers hatte ich keine Probleme, die Oktavseiten zu greifen.

Ende November flog ich nach Senegal und meine anfängliche Freude auf meine Kora verflog ähnlich schnell wie der Flug von Düsseldorf nach Banjul.

Und so traf ich eine Entscheidung. Eine neue Kora musste her. Ich fragte meinen Koralehrer Modou Konté, ob er die Haltegriffe versetzen kann. Aber die Antwort war, wie ich erwartet hatte: nein.

Aber er schlug mir vor, eine neue Kalebasse zu kaufen und diese zu bespannen und die restlichen Komponenten von meiner alten Kora zu nehmen, das würde die Kosten erheblich reduzieren.

Obwohl es immer noch viel Geld für mich war, traf ich diese Entscheidung. Als Musikerin muss ich Prioritäten setzen und die hier war ganz klar.

Ein paar Tage später brachte ich Modou meine Kora und er zerlegte sie in ihre Einzelteile. Die neue Kalebasse war bereits bespannt und einen Tag später konnte ich meine „neue alte Kora“ wieder abholen.

Und was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Blick! Sie spielt sich verdammt gut! Und darum geht es ja.

Manchmal sind Abschiede und Anfänge nicht klar voneinander zu trennen. Gestern noch die zerlegte Kora, heute schon neue Klänge. Das ist wie ein leises Versprechen: Alles, was geht, macht Platz für etwas, das bleibt – oder vielleicht sogar noch stärker wird. Jede Veränderung, so klein oder groß sie auch sein mag, hat ihren eigenen Rhythmus Heute beginnt er für mich neu.

Eine Woche voller Rhythmus. Und dann Stille.

Die letzten Tage waren laut. Trommeln, Stimmen, Lachen, Proben, Bühne. Ich hatte Workshops, ich habe zugehört, gespielt, gesungen. Viel Bewegung, viel Klang, wenig Pause.

Und jetzt sitze ich hier und bringe kaum einen Ton heraus. Aber der Reihe nach.

Seit letzter Woche nehme ich am Trommelworkshop teil. Afrikanisches Trommeln auf der Djembe.

Erst waren wir 7 Teilnehmerinnen, später 11. Dazu kommen Mockoulo, unser Lehrer und die drei Dundun-Spieler. Das ist ordentlich Wumms. Es macht totalen Spaß, obwohl es uns fordert, denn die Rhythmen sind nicht einfach. Wir haben „Barandosa“ gelernt, ein Rhythmus, der gerne getrommelt wird, bevor es ordentlich an die körperliche Arbeit geht.

Es gab jede Menge Konzerte: Mockoulo ist ein paar Mal mit seiner Band aufgetreten.

Dann hatten wir ein sehr schönes Konzert von Modou Konté, mein Koralehrer. Über 1 1/2 Stunden hat er für uns gespielt und wir haben dazu getanzt. Das war ein wunderschöner und unvergesslicher Abend!

Und ich bin aufgetreten! Vor etwa 30-40 Leuten, Einheimische und tschechische Workshopteilnehmerinnen. Es war ein sehr schönes Konzert und ein dankbares Publikum.

Ich hatte bislang Zweifel, wie es bei den Einheimischen ankommt, wenn eine weiße Europäerin traditionelle westafrikanische Lieder singt. Aber die Zweifel waren unbegründet. Es macht sie stolz, dass ich ihre Lieder interpretiere.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Und nun ist Stille, seit Mittwoch. Als ich am Dienstag Abend auftrat, spürte ich bereits die Erkältung in mir. Meine Stimme war am Anschlag und überall dort, wo ich ein Kapodaster verwende, setzte ich es 1/2 Ton tiefer.

Am nächsten Morgen war meine Stimme weg und das hat sich bis heute nicht gebessert. Dazu ein trockener, festsitzender Husten und leicht erhöhte Temperatur…

Ich schlafe viel und spreche nur sehr wenig.

Funfact: seitdem streiten Moctar und ich nicht. Und ich denke gerade drüber nach, was mir das sagen soll. 😂

Vielleicht sollte man Beziehungen manchmal einfach stumm schalten.

Ich war nicht im Programm. Und dann stand ich auf der Bühne.

Das Abene Festivalo liegt hinter mir. Sieben Tage Musik pur von denen ich nur einen Tag verpasst habe. Das heißt auch sieben Tage Müdigkeit, denn es begann selten vor 23 Uhr und endete selten vor 2 Uhr morgens.

Black Sofa
Seckou Keita

Wenn ihr mich nach meinem persönlichen Höhepunkt fragt, abgesehen von Seckou Keita, dann sage ich ganz ehrlich und unbescheiden: das war ich selbst!

Ja, ich bin aufgetreten! Ich habe nur ein Lied gesungen aber das war eine unglaublich schöne Erfahrung. Der Weg dahin war aber holprig und ungewiss.

Denn natürlich stand ich nicht im Programm, als Musikerin kennt mich außer meinem Koralehrer und meinem Mann niemand in Abene.

Mein Mann Moctar war mein trojanisches Pferd. Denn er stand im Programm mit seiner Band. Das kam für ihn auch überraschend und er gestand mir einen Tag, dass er unsicher ist, weil er noch nicht alle Musiker zusammen hat. Da sagte ich spontan: „lass mich ein Lied singen. Nur eins!“

Er äußerte sich mehrere Tage nicht dazu, ich wurde immer nervöser. Am Tag seines Auftritts fragte ich noch mal nach und er erzählte mir etwas von Schwierigkeiten, weil ich ja nicht im Programm stehe. Ich meinte: „dann lade mich ein, während deines Auftritts, als Special Guest.“

Er nickte aber war das jetzt eine Zusage?

Bevor Moctar die Bühne betrat, sagte er zu mir, ich solle mich bereit halten, er würde mich dann rufen. Ich stimmte also die Gitarre und wartete in der Nähe der Bühne.

Und dann kam mein großer Moment!

Ich ging hoch auf die Bühne, hängte mir die Gitarre um, steckte das Kabel für den Tonabnehmer ein, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. In der Zeit spielte mein Koralehrer Modou Konté, der mit auf der Bühne war, das Lied an, welches ich singen wollte. Aminata hielt das Mikrofon für mich und ich begann:

Miniyamba ton gama lambe lon, saba Minuyamba, saba je kono ne lo…

Zum Refrain setzten die Trommelspieler auf ihren Djembes und Dunduns ein und sangen mit. Und auch das Publikum sang mit! Ich hatte Gänsehaut überall, so emotional und schön war es!

Vielleicht bekomme ich noch Videos von diesem Moment. Aber das Wichtigste ist längst passiert:

Ich war da. Jetzt kennt mich ganz Abene.

Zwischen Kerzen, Sirenen und Trommelrhythmen

Manche Tage fühlen sich nicht wie eine Geschichte an, sondern eher wie ein Puzzle oder ein Mosaik. Warmes Licht neben plötzlicher Irritation, leise Nähe neben dröhnendem Rhythmus.

Weihnachten liegt hinter uns. Wir haben verdammt gut gegessen und ich habe in einem Restaurant spontan ein kleines Konzert gegeben.

Dazu ein paar Begegnungen, die hängen bleiben – und dann diese Lautstärke, die alles überlagert.

Ich notiere das nicht, um es zu ordnen, sondern um es festzuhalten, solange es noch in meinem Kopf existiert.

Kerzen hatten wir natürlich nicht, sondern wie jeden Abend ein Feuer.

Sirenen heulten auch nicht. Stattdessen gab es unangenehme Begegnungen mit der Strassenpolizei. Aber es gab auch Lichtblicke, wie der Polizeibeamte in Diouloulou, der mir wirklich sehr geholfen hat.

Nach vielen Kilometern und Stunden des Hin- und Herfahrens war es irgendwann geklärt. Ich hoffe, es bleibt dabei.

Seit vorgestern läuft das große und bekannte Festivalo hier in Abene. Bis zum 2.1. werden wir jeden Tag allerfeinste Musik genießen können. Geschlafen wird dann am Tag, denn vor 23 Uhr beginnt es nicht und geht dann locker bis 3 Uhr morgens.

Ich gebe mich dem Rhythmus hin – mal sehen, wie viel Schlaf ich noch erwische.

Weitermachen

Über Kontinuität, Geduld und warum Fortschritt manchmal unspektakulär aussieht.

Den ganzen Sommer über habe ich Kora gespielt, oft vier bis fünf Stunden täglich. Meist habe ich wiederholt, was ich letzten Winter bei Modou Konté und Sadio Cissokho gelernt habe. Kein Neues, dafür viel Festigung.

Jetzt bin ich zurück in Abene und nehme wieder Unterricht. Zwei Stunden hatte ich bereits, bei Modou – Sadio unterrichtet mich in Ziguinchor.

Ich möchte mit „Maki“ weitermachen. Bisher kann ich nur die Grundmelodie, zu der gesungen wird und einen Break. Da das Stück aber nur eine Strophe hat, wird es schnell monoton.

Ich möchte einen der Soloparts lernen, um mehr Spielraum zu bekommen.

Wir beginnen mit dem Intro. Modou spielt es mir langsam vor, ich schaue genau hin und spiele es nach. Nach ein paar Versuchen sitzt es.

Ich lerne schneller als letzten Winter. Deutlich schneller.

Zuhause übe ich weiter, das Intro hält und ich merke: Ich will vorwärts.

Nicht hektisch. Aber konsequent.

Manche Wochen wollen einfach nur sein

Manche Wochen wollen nicht erklärt werden. Sie wollen ausgehalten werden.

So wie diese Woche.

Sie plätscherte irgendwie so dahin – ohne Höhepunkt, ohne große Erkenntnis. Und vielleicht war genau das ihr Thema.

Am Sonntag habe ich mir kurzfristig eine Nacht in einem Guesthouse gegönnt. Unser Badezimmer ist noch immer nicht fertig, es regnete, und die Vorstellung, nachts hundert Meter zum Klo der Nachbarn zu laufen, war einfach keine gute. Also bin ich gegangen. Nicht aus Drama, sondern aus Pragmatismus.

Am Montagmorgen fuhr ich zurück und blieb mit dem Auto im Sand stecken. Darüber habe ich in meinem letzten Blogartikel schon ausführlich geschrieben. Am Abend fuhr auch Moctar zurück nach Ziguinchor zu seiner Familie, und ich war allein.
Alleinsein macht mir keine Probleme. Auch hier nicht. Und streng genommen bin ich es ja nicht. Es gibt Nachbarn, Gespräche, gemeinsame Routinen.

Die Tage folgen einem gleichmäßigen Muster: morgens Wasser holen, duschen, einkaufen: Frühstück, Fisch und Gemüse für den Tag. Einer meiner Nachbarn kocht für uns auf offenem Feuer. Dafür bin ich sehr dankbar – ich wäre damit überfordert. Ich bin mit einem Elektroherd aufgewachsen, nicht mit Holz und Geduld.

An einem Vormittag habe ich Wäsche gewaschen. Mit der Hand, wie hier üblich. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit dabei entsteht. Zeit zum Nachdenken, Musik hören, den Vögeln lauschen. Fast meditativ.

Ich übe täglich auf meiner Kora, wir trinken Attaya, irgendwann gibt es Abendessen. Abends sitzen wir am Feuer, erzählen uns etwas, und irgendwann gehen wir schlafen.

Am Mittwochabend habe ich zum ersten Mal das Rauschen des Atlantiks gehört. Obwohl wir über einen Kilometer vom Strand entfernt sind, tragen die Wellen bis zu uns – wenn es ruhig genug ist. In den letzten Tagen war das selten der Fall. Zu viele Feste, zu viel Musik.
Aber an diesem Abend war es still. Nur Grillen, Wind, Wellen.
Ich habe viele Jahre davon geträumt, ein Häuschen am Meer zu haben.
Und plötzlich war dieser Traum einfach da. Still. Unaufgeregt. Nichts daran musste gelöst oder erklärt werden.

Am Donnerstag kamen gute Nachrichten: Meine Sachen, die ich mit dem Container aus Essen verschickt hatte, waren abholbereit. Endlich! Für Freitag wurde ein Fahrer organisiert und wir fuhren nach Gambia.

Die Fahrt dauerte jeweils zweieinhalb Stunden, unterbrochen von drei Grenzkontrollen.
Meine Sachen waren vollständig und innerhalb weniger Minuten war alles im Auto und auf dem Dach verstaut, dann ging es zurück.

Ich war erleichtert, als wir wieder in Abene ankamen. Die Luft auf den Straßen Gambias ist heiß, stickig, voller Abgase. Hier ist sie klarer, leichter. Und es ist kühler.

Moctar war ebenfalls zurück. Gemeinsam mit Jean baute er das Bett auf – ein Ikea-Bett. Die Aufbauanleitung wurde konsequent ignoriert. Ergebnis: zwei Stangen müssen nun noch einmal neu angebracht werden, weil die Bohrlöcher nach vorne zeigen statt nach hinten. Aber ansonsten: keine Schraube übrig und das Bett steht stabil.

Besonders gefreut hat Moctar die Gitarre, die ich mitgeschickt hatte. Eine für Linkshänder. Für mich habe ich auch eine mitgeschickt. Jetzt können wir zusammen spielen.

Vielleicht ist das gerade mein Zustand: nicht alles einordnen, nicht alles bewerten, nicht alles erzählen. Manche Wochen wollen nicht erklärt werden.

Sie wollen einfach nur sein.

Wenn ein Auto stillsteht, bewegen Menschen etwas

Community statt ADAC: wie mir heute geholfen wurde

Ich sitze gerade gemütlich und alleine am Feuer und lasse den Tag Revue passieren.

Heute Vormittag habe ich mich im Sand festgefahren. Warum auch habe ich diese Route gewählt? Na, der Klassiker… Google Maps. Was weiß Google Maps auch, dass dieser Weg so sandig ist, dass er für meinen Ford Fiesta nicht gemacht ist.

Die Räder drehten sich aber nichts bewegte sich. Außer dem Sand unter mir, der flog überall hin.

Ich lief zum nächsten Compound, Gottseidank war jemand da, zwei Frauen, die Wäsche wuschen. Und ich hatte Glück, eine Frau sprach sogar ein bisschen Englisch. Ich erzählte, was mir passiert war und sie rief einen Bekannten aus der Nachbarschaft an, der wiederum brachte noch jemanden mit. Doch zu zweit schafften sie es nicht.

Aber die Geräusche vom durchdrehenden Motor lockten weitere Männer an. Letztendlich waren es sechs. Einer setzte sich ans Steuer und die anderen hoben das Auto an und schoben rückwärts. Und Meter für Meter bewegte sich das Auto. Der Fahrer wendete noch aber dann plötzlich war das Auto komplett tot. 1. Gang, 2. Gang, Rückwärtsgang – alles tot. Das Auto bewegte sich nicht mehr. Kupplungsscheibe defekt!

Ich rief Moctar an und der rief einen befreundeten Automechaniker hier in Abene an. Die Männer erklärten ihm, wo wir waren, denn ich wusste es nicht.

In der Zwischenzeit wartete ich in einem anderen Compound, bei Franziska, die aus der Schweiz kommt und seit vier Jahren in Abene ist und wie ich hier überwintert. Sie erzählte mir lachend, dass das immer wieder vorkommt, dass hier jemand stecken bleibt. Ich bin also kein Einzelfall.

Kurz darauf kam der Mechaniker mit seinem Bruder in einem 4×4 BMW-Geländewagen. In einem Lastwagen wenige Meter weiter fanden sie etwas, was sie als Abschleppseil verwenden konnten.

Der Bruder des Mechanikers setzte sich ans Steuer meines Autos, mich setzten sie auf den Beifahrersitz vom BMW.

Aber das Abschleppen funktionierte nicht. Der Sand war zu tief und es ging ein bisschen bergauf. Die Jungs von vorhin tauchten wieder auf und drückten und drückten und besorgten Holzbretter, die sie unter die Vorderräder meines Autos legten.

Ja, wir fuhren! Und fuhren bis zur Werkstatt. Dort lösten sie mein Auto vom BMW und der Bruder des Mechanikers brachte mich nach Hause. Ich sagte ihm, dass ich noch was zu Essen für die Jungs bei mir auf der Baustelle kaufen müsste, die Ärmsten hatten nämlich noch nichts gegessen und es war schon weit nach Mittag.

Er fuhr mit mir zu einem kleinen Restaurant, wo seine „Schwester“ arbeitet und sie füllte eine große Schale mit Thiéboudienne.

Er wohnt nicht weit von mir entfernt. Als wir an seinem Haus vorbei kamen, hielt er an und stieg aus, drückte mir den Schlüssel in die Hand und meinte: „Du kannst mein Auto haben, bis deines wieder fertig ist.“ Und dann verschwand er durch die Tür.

Ich war sprachlos und gerührt! Der kennt mich nicht einmal! Aber er kennt Moctar, er war viele Jahre sein Trommelschüler. Ja, hier gilt noch: die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde.

Was ich heute gelernt habe: Hier lebt Community-Service. Alle haben sich zusammengerauft: der Mechaniker, sein Bruder und Männer aus dem Dorf. Jeder wusste, was zu tun war. Der eine schob, der andere hielt das Auto, jemand lief los, um Verstärkung zu holen. Hände griffen, Füße stemmten, Stimmen gaben Kommandos. Alles lief Hand in Hand. Ohne Drama, ohne große Worte. Ich musste nichts erklären. Niemand schimpfte. Niemand machte mir Vorwürfe. Sie haben einfach gemacht. Und mich behandelt, wie eine Prinzessin.

Ich war und bin völlig geflasht von dieser Hilfsbereitschaft. Und ich bin unendlich dankbar dafür.

Ich merke, wie sehr mich das alles verändert: wie leicht es sein kann, Hilfe anzunehmen. Wie gut es tut, einfach zu vertrauen. Und wie sehr solche Momente zeigen, dass Menschlichkeit nicht kompliziert sein muss – sie ist einfach da, wenn man sie zulässt.

Zwischen Zement und Leben: Meine erste Woche auf der Baustelle in Abene 

Seit Montag schlafen wir auf unserer Baustelle – in einem Raum, der eigentlich noch keiner ist. Die Wände sind roher Beton, der sich nachts kalt und auch noch feucht anfühlt, und ständig liegt feiner Staub auf allem. Wir schlafen auf einer Schaumstoffmatratze, die wir übergangsweise gekauft haben. Meine Containersachen sind ja noch nicht da. Da ist nämlich auch eine Matratze samt Lattenrost und Bett bei.

Unter meinen Füßen klebt der PVC-Boden, den wir auch übergangsweise gelegt haben. Irgendwann kommt hier der typische Fliesenbruch hin. Alles wirkt improvisiert, unsere Sachen liegen in Taschen und Koffern auf dem Boden verteilt, so als hätten wir nur einen Zwischenstopp eingelegt. Nur dass dies kein Zwischenstopp ist. Dies ist der Anfang. Und der Anfang fühlt sich manchmal an wie Camping, nur ohne Naturidylle, dafür mit Betonsteinchen im Bett.

Toilette und Wasser bekommen wir von den Nachbarn. Ein Outdoor-Stehklo, bei dem mein Körper jedes Mal protestiert, als hätte er im Leben noch nie davon gehört, wie man außerhalb einer europäischen Toilette funktioniert. Bei den Nachbarn laden wir auch unsere Powerbanks auf. Im Moment haben wir nämlich kaum Sonne, der Himmel ist wolkenbedeckt, die faltbaren Solarpanels nutzen uns also gerade gar nichts.

Ich versorge hier fünf Erwachsene: Moctar, drei Männer von der Baustelle und mich. Drei Mahlzeiten am Tag, zwei davon kochen wir über Feuer und mit einfachem Equipment, mit lokalen Zutaten. Und der einzige nicht wirklich notwendige Luxus, den wir uns gönnen, ist Attaya – dieser starke, grüne Tee mit ordentlich Zucker drin.

Der erste richtige Tiefpunkt kam am Sonntag für mich. Wir hatten uns ja übergangsweise bei einer Bekannten einquartiert. Moctar aber wollte gerne umziehen. Aber ich habe gesagt: nein, das Geld, was ich für einen ganzen Monat habe, ist schon zu mehr als der Hälfte aufgebraucht. Ich kann keine Matratze kaufen.

Doch dann passierte etwas, das man „Wunder“ nennen muss. Mein Handydisplay leuchtete auf, auf meinem senegalesischen Konto tauchte unerwartet eine zweite Überweisung auf. Dieselbe Summe wie vor dem Abflug. Es fühlte sich an wie ein stiller, fast unverschämter Geldregen, der exakt im Moment fiel, an dem ich dachte: Mist, alles doof hier.

Das alles hier wäre ohne meinen Mann Michael nicht möglich. Er steht hinter mir, finanziell und menschlich, auch wenn unser Leben alles andere als klassisch ist. Wir sind nach wie vor verheiratet, leben aber in einer anderen Beziehung. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – hält er mir den Rücken frei. Dieses Haus wächst nicht nur aus Sand und Zement, sondern auch aus Vertrauen, Loyalität und einer Art Liebe, die viele nicht verstehen, manchmal verstehe ich es selbst nicht.

Am späten Nachmittag üben Moctar und seine Bandmitglieder. Dann dröhnen hier die Trommeln.

Abends sitzen wir gemeinsam am Feuer vor dem Haus. Die Grillen zirpen, der Rauch zieht in die Kleider und aus dem Dorf schwappt Trommelmusik herüber. Eine seltsame Mischung, die mir aber wieder klar macht, dass ich wirklich in Afrika bin. Manchmal spiele ich auch auf der Kora oder auf der Ukulele, manchmal reden wir nur oder schauen schweigend in die Flammen und trinken Attaya. Manchmal aber sind wir auch außerhalb, weil Moctar mit seiner Band auftritt.

Was für ein absurdes, wildes Leben. Und ich stehe mittendrin.

Dies ist kein klassischer Afrikaurlaub mit Safari oder Beachlife incl. Cocktailschirmchen.

Dies ist ein Bauprojekt unter Extrembedingungen – mit Chaos, vielen Kosten, Verantwortung. Aber auch mit einer Schönheit, die nur sichtbar wird, wenn man auf die Details schaut.

Und falls du dich fragst, ob ich manchmal zweifle:
Natürlich. Es wäre gelogen, wenn ich es nicht tun würde.