Staub, Sonne, Türen

Ankommen in Abéné

Vor drei Tagen stand ich endlich hier, mitten in Abéné, mitten im Sand, auf der Baustelle, vor diesem Haus, das viel größer ist, als ich es mir vorgestellt habe. Aber noch ohne Fenster, ohne Türen – nur Mauern mit einem Dach, die in der Vormittagssonne stehen und mit mir sprechen: „Na? Traust du dich?“

Na klar traue ich mich. Da, schaut selbst!

Gestern war Stillstand. Wir müssen auf Sand warten aber es ist Freitag – der Tag, an dem hier alles langsamer ist bzw. steht. Die Moschee ruft, die Menschen halten inne.

Wir frühstücken erst einmal. Auf glühenden Kohlen köchelt die Kanne mit Wasser für den Kaffee und die umgedrehte Bananenkiste ist unser Tisch. Ich werde hier zur Impro-Queen.

Heute dagegen veränderte sich alles. Als wir ankamen, war der Sand schon geliefert. Die Fenster und Türen wurden eingebaut. Es sieht toll aus! Ich berühre die Türrahmen, und kann spüren, wie ich bald schon hier hindurchgehe.

Dieses Haus ist nicht mehr nur ein Rohbau. Es ist ein Versprechen. Hier soll das Glück wohnen!

Morgen, am Sonntag, wollen wir einziehen, auch wenn noch nichts da ist. Denn der Container, wo mein Bett und vieles andere mehr drin ist, ist noch nicht angekommen. Naja, ich habe ausreichend Campingerfahrung und wie ich schon schrieb: Impro-Queen. Ich freue mich jedenfalls drauf! Auf dieses neue Kapitel in meinem Leben.

Wir suchen übrigens nach einem schönen Namen für das Haus. Habt ihr Ideen?

Abflug: gleich – Ankunft: heute abend!

Endlich sitze ich am Gate. Ein halbes Jahr habe ich auf diesen Moment gewartet — und jetzt darf ich für fast genauso lange wieder nach Senegal zurückkehren.
Draussen ist es noch dunkel und es ist kalt. Der Weg zum Flughafen war gut, keine nennenswerten Staus auf der A3. Das Einchecken ohne Probleme. Mein großer Koffer wog 24,7 kg, ich weiss jetzt, dass meine Personenwaage zuhause das Gleiche anzeigt, wie die Waage am Schalter. Das Handgepäck wurde gottseidank nicht gewogen (und auch nicht gezählt).
Der Security-Check hat etwas gedauert. Alle Gepäckstücke aufs Band, alles Überflüssiges ausziehen und dann das Gleiche wieder retour.

Während ich hier bei Cappuccino (für 6,50 € !!) sitze und aufs Boarding warte, breitet sich in mir diese Vorfreude aus. Einerseits eine sehr ruhige Vorfreude, weil ich ja weiss, wohin ich fliege und andererseits eine aufgeregte Vorfreude, weil mich an bekanntem Ort auch einiges Neues erwarten wird.

Bald gibt’s endlich wieder Sonne, Meer, Trommeln, Singen, Kora spielen – all das, was mich erfüllt und lebendig macht.
Ich freue mich auf mein kleines Haus, das ich erstmals mit eigenen Augen sehen werde.
Und natürlich freue ich mich auf Moctar, wir haben uns nun seit 1/2 Jahr nicht mehr gesehen. Eine verdammt lange Zeit und ich bin ein bisschen ängstlich, wie der erste Augenblick des Wiedersehens am Flughafen sein wird. Wir kennen uns schließlich erst seit 11 Monaten, haben gerade mal 5 Monate miteinander verbracht…

Mittlerweile weiss ich leider, dass der Container mit meinen Sachen nicht vor dem 28. oder 29.11. ankommen wird. Bis dann alles abholbereit ist, werden noch mal ein paar Tage vergehen.
Ich werde bei meiner Ankunft also nur das da haben, was ich im Koffer mitbringe.
Das fängt gut an, so habe ich mir das nicht vorgestellt.
Okay, ich schiebe diese Gedanken mal beiseite, heute ist Vorfreude.



Packen für ein halbes Jahr: Was nicht verschifft wurde, kommt jetzt mit

Vom Bikini bis zur Backup-Festplatte – ein Koffer voller ganz normaler Notwendigkeiten.

Bevor ich für ein halbes Jahr nach Senegal fliege, packe ich weniger Kleidung als mein Leben.
Ein Teil ist schon im Container unterwegs – Bett, Matratze, Stühle, Tische, Küchenzeug – und zwei Gitarren.
Und was jetzt noch in den Koffer kommt, ist die Mischung aus Alltag, Restposten und „Ach stimmt, das brauche ich ja dort auch“.
Sieht nicht nach Abenteuer aus. Sondern nach Alltag.

Im August habe ich schon jede Menge Sachen per Container verschifft. Ich kenne jemanden, der regelmäßig Container nach Gambia schickt – da konnte ich meine paar Dinge einfach zuladen.
Ich wohne ja nicht im Hotel, sondern in meinem eigenen Haus.
Und so ein Haus will ausgestattet werden.

Bett, Lattenrost, Matratze, Bettdecke, Bettlaken, Stühle, kleine Tische, Geschirr, Töpfe, Besteck – und jede Menge Solarlampen. Ja, Solarlampen. Weil Strom in Abéné eher ein Vorschlag als Realität ist.
Klingt nach viel? Ist es auch.
Dazu habe ich ein paar Alltagsdinge mitgeschickt: Sonnenmilch, Mückenschutz, Zahnpasta, Gesichtswasser, Creme. Spart Platz im Koffer – und Nerven, wenn man alles erst vor Ort suchen müsste.

Aber wer jetzt denkt, ich könnte mit leichtem Gepäck reisen, irrt gewaltig. Tatsächlich bleibt noch jede Menge übrig, was ich bis zuletzt hier gebraucht habe oder woran ich erst jetzt gedacht habe. Geschenke für meine Familie in Senegal gehören natürlich dazu.
Unter anderem habe ich etwa 25 Lesebrillen in verschiedenen Sehstärken dabei, die ich verteilen werde.
Und ganz wichtig: Medikamente!
Schmerzmittel, Mittel gegen Durchfall und Verstopfung, Nasenspray, Augentropfen, Fiebersirup für Kinder, Antihistaminika, Verbandmaterial, ein Notfall-Antibiotikum, Magnesium und Jodtabletten für die Schilddrüse – alles im Gepäck.

Und Kaffee! Richtig guter Bohnenkaffee, in Abéné gibt es höchstens Espresso von Lavazza und den mag ich gar nicht so gerne.
Für meine Familie habe ich ganz viel löslichen Cappuccino eingepackt, die mögen den total gerne!
Außerdem habe ich eine Campingdusche und ein faltbares Solarpanel gekauft. Warum? Kein Strom, kein Wasser im Haus.
Die Dusche ist ein schwarzer Beutel, der sich in der Sonne aufheizt, das Solarpanel lädt Powerbanks – Handy, Laptop, Kameraakkus, alles wird versorgt.
Survival? Ein bisschen. Praktisch? Sehr.

Im Handgepäck: ein paar Sommerkleider – nicht viele, denn vieles habe ich schon in Senegal, und vor Ort kann man sich schöne Kleider nähen lassen.
Dazu kommen Powerbanks, externe Festplatten, USB-Batterien, Ansteckmikrofone, iPad, Laptop und alle Kabel, die man sich vorstellen kann.
Und der Fotorucksack: Kamera, ein paar Objektive, Kosmetik und Zahnpasta für die ersten Tage.

Insgesamt fliege ich mit 43 kg Gepäck, aufgeteilt auf drei Gepäckstücke. Sieht nicht nach Urlaub aus? Stimmt. Macht aber mein halbes Jahr Senegal nahezu perfekt.

Ein Haus wird gebaut

Mein Zuhause wächst – auch wenn ich weit weg bin

Im April habe ich das Grundstück kennengelernt, auf dem mein Haus oder unser Haus entstehen sollte. Es befindet sich ein bisschen abseits der Hauptstraße in Abéné, in einem grünen und baumreichen Gebiet.
Der Weg dorthin ist gesäumt von Cashewbäumen, ich habe im April noch Cashewfrüchte vom Boden aufgesammelt und gegessen.


Unzählige Vögel leben dort, es hat aus allen Richtungen gezwitschert. Ich erinnere mich an das Rauschen der Blätter und an den Geruch der Erde.
Damals war da nur wild bewachsenes Land mit hohem, vertrocknetem Gras.

Da also sollte das Haus entstehen.

Jetzt wächst dort etwas. Stein für Stein, gebaut von zahlreichen Händen.
Mein Mann Moctar erzählt mir regelmäßig, wie es vorangeht. Ich höre seine Stimme, höre vor allem die Müdigkeit nach dem langen Tag. Aber ich höre auch den Stolz darin und die Freude.
Und neulich hat er Fotos geschickt. Auf den Bildern sehe ich Mauern, die langsam Formen annehmen. Noch unfertig, aber schon jetzt kann man sehen, was es werden wird. Und es wird schön!

Das hier ist der Stand nach 6 Tagen Bauzeit

Ich betrachte jedes Detail, als wäre ich selbst dort. Den Schatten einer Mauer, die Fenster, durch die bald Licht fallen wird. Ich sehe den Ort, an dem ich einmal stehen werde – vielleicht barfuß, vielleicht mit einem Kaffee in der Hand. Ich sehe die Sitzecke auf der Veranda, wo ich mit meiner Kora sitzen werde oder auch mit Bekannten essen werde.
Zwischen den Fotos und seinen Erzählungen entsteht in mir ein Haus, das nicht nur aus Steinen gebaut ist, sondern aus Bildern, Worten und Sehnsucht.

Manchmal frage ich mich, wie es sein wird, wenn ich das erste Mal durch die Tür trete. Wenn die Vögel mich morgens beim Aufgehen der Sonne mit ihrem Zwitschern wecken werden.
Ob ich dort nachts, wenn alles ruhig ist, das Wellenrauschen von Atlantik hören kann?

Ich stelle mir vor, wie wir dort sitzen werden, unter den Bäumen, und das Gefühl haben: Wir sind angekommen.

Und hier nach 9 Tagen Bauzeit

Mein Mann sagt jedesmal: „Das wird dein Haus, Jana. Es wird dein Zuhause.
Ein Ort, an dem du glücklich sein sollst.“

Und jedes Mal, wenn ich das höre, spüre ich ganz viel Wärme in mir und ganz viel Liebe.
Noch nie hat jemand ein Haus für mich gebaut.
Dieses Haus ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Versprechen.
Eine Art Wurzel, die schon wächst, auch wenn ich gerade noch in Deutschland bin.

Manchmal wächst etwas, obwohl man weit weg ist. Und vielleicht wächst gerade dann am meisten – weil man spürt, dass die Verbindung stark genug ist, um auch über die Entfernung zu tragen.

Abéné – wenn Kunst ein Zuhause hat, dann hier

Ich weiss noch, als ich in Abéné ankam, fühlte ich mich wie in einem Soundcheck. Der Kleinbus, der unsere Gruppe brachte, stoppte vor dem Compound, das für die nächsten drei Wochen mein Zuhause sein sollte, die Tür ging auf — und bevor ich überhaupt einen Fuß auf den Boden gesetzt hatte, war ich schon drin in dieser Welt aus Trommeln und Tanzen.
Vor uns standen etliche Trommler und Tänzer*innen, die einen herrlichen Lärm für uns machten. Selten habe ich mich so willkommen gefühlt wie in dem Moment.
Und da war mir klar: Ich bin hier als Musikerin angekommen und nicht als Touristin.

Ankunft in Abéné

Sehr schnell habe ich mich in den kleinen Küstenort verliebt. Es ist unfassbar grün dort, Palmen, Cashewwälder, Mangobäume und Mangroven bilden ein sattgrünes und schattenspendendes Dach über den vielen Nebenstraßen.
Teilweise kam es mir vor, als würde hinter dem nächsten Baum der Urwald beginnen, der mich verschluckt.
Es ist relativ ruhig dort. Kein Massentourismus, keine unangenehme Belästigung auf den Straßen oder am Strand. Stattdessen freundliche und aufgeschlossene Menschen.

Und nicht zu vergessen der naturnahe breite und kilometerlange Sandstrand am Atlantik. Je nach Wind sind die Wellen mal flach und ruhig oder auch mal stürmisch und hoch. Am Abend hört man sie weit bis ins Dorf hinein.


Aber der Hauptgrund, warum Abéné mein Ort wurde:
Es ist ein Brutkasten für Kunst und speziell für Musik. Es gibt dort eine so hohe Dichte von Musiker*innen und Tänzer*innen aller Art, wie ich es noch nirgends erlebt habe. Dazu kommen dann noch Batikkünstler*innen, Maler*innen und so vieles mehr. Und all das macht die Luft dort aus.

Genau deshalb kommen Menschen aus unterschiedlichen Ländern hierher, weil sie Teil dieser speziellen Kunst- und Musikkultur sein wollen. Denn man ist hier nicht nur Zuschauer*in, sondern man ist Teil davon.
Und speziell in den Wintermonaten sind überall Workshops, von überall her tönt Musik, hauptsächlich Trommeln natürlich. Bis tief in die Nacht hinein. Ich habe es geliebt und habe verdammt gut mit der rhythmischen Musik im Hintergrund geschlafen.

Was mir auch angenehm auffiel: Abéné ist nach wie vor ein Ort für die Einheimischen. Ich habe dort keine Resorts oder Privatstrände gefunden, die für die einheimische Bevölkerung nicht zugänglich waren, so wie ich das z.B. auf Sansibar oder Kenia gesehen habe.

Ich freue mich riesig auf mein Winter-Zuhause! Von nun an jedes Jahr von Dezember bis April/Mai.
Und wer weiss, vielleicht treffen wir uns dort?


Allgemeine Informationen:
Abéné liegt an der Atlantikküste im Süden Senegals und gehört zur historischen Region der Casamance. Es ist ein Küstendorf mit Strandlage, Mangroven, Wald-/Sumpfgebiet in der Umgebung.
Hier leben etwa 2000-3000 Einwohner*innen, es gibt keine aktuellen Zahlen. 2002 waren es 1935 Einwohner*innen.
Hauptsächlich sind es Angehörige der Ethnien der Diola (Jola) und Mandinka.
Neben den lokalen Sprachen wie Diola oder Mandinka wird Französisch gesprochen, durch die Nähe zu Gambia können viele aber auch Englisch.

Noch 3 Wochen bis Senegal

In genau 21 Tagen geht es wieder los.
Nicht in den Urlaub. Nicht auf eine Bühne. Nicht auf eine touristische Reise.

Ich fliege zurück in die Casamance, diesmal an die Küste, nach Abene — ein Ort, den ich letztes Jahr lieben gelernt habe und an dem ich einige Wochen verbracht habe.
Dieses Mal wartet ein kleines Häuschen auf mich, es wird gerade gebaut. Und ich hoffe, dass es rechtzeitig fertig wird. Mein eigenes Zuhause, mitten in meinem anderen Leben.

Auf diesem Grundstück wird das Haus gebaut

Ich freue mich darauf, wenn ich das erste Mal die Tür aufschließen und die Zimmer betreten werde. Ich freue mich auf das Licht, auf die Sonnenstrahlen, die durch die Türen fallen, die vielen Bäume und die hunderte zwitschernde Vögel.

Ich nehme euch mit zu meinem künftigen Haus


Ich freue mich auf die kleinen Räume, die ich gestalten werde, und auf den Alltag, der mich erwartet. Im Juli/August habe ich bereits etliche Dinge per Container nach Afrika geschickt: ein neues Bett, Lattenrost und Matraze, Stühle, Tische, Garderoben, Küchenzubehör, Sonnenmilch und Mückenschutzmittel und andere Drogerieartikel für 6 Monate und zwei Gitarren. Eine für mich und eine für meinen Mann.

Seit über fünf Monaten habe ich meinen Mann nun nicht mehr gesehen. Fünf Monate!Das klingt nach einer langen Zeit, und das ist es auch.
Aber jeder Tag ohne ihn hat mir bewusst gemacht, dass wir dennoch miteinander verbunden sind, auch wenn uns mehr als 6000 km voneinander trennen.

Ich freue mich auf alles, was mich in Abene erwarten wird

Musik: Kora üben, neue westafrikanische Lieder lernen, trommeln, verschiedene Rhythmen spüren.

Strand und Natur: Tägliche Spaziergänge am Meer, der Wind, das Licht, die Geräusche der Casamance.

Marktleben: Obst, Gemüse, frischer Fisch, die Düfte der Gewürze, bunt gebatikte Kleider, Menschen, die lachen und handeln.

Freunde und Bekannte: Wiedersehen, Gespräche, gemeinsames Kochen, Musikabende.

Meine Koffer sind bereits halb gepackt: Technik für Fotos und Videos, Laptop, Mikrofone, Powerbanks, Solarpanels, Geschenke für die Menschen, die mir am Herzen liegen, etwa 30 Lesebrillen in verschiedenen Stärken zum Verschenken und ein bisschen Kleidung. Vieles ist schon von letztem Mal vor Ort.

Es fühlt sich an wie ein Comeback in ein Leben, das ich teilweise schon kenne, und gleichzeitig wie ein neues Kapitel. Ich weiß, dass ich viel lernen werde, nicht nur musikalisch, sondern über Menschen, Orte und über mich selbst.

Ich nehme euch wieder mit. Ich zeige euch, wie es ist, wieder in ein Leben einzutauchen, das man liebt. Ohne Filter, ohne Kitsch – nur echt, aus der Perspektive einer, die mittendrin lebt und gespannt ist, was kommt.

Schlangen, Drachen und jede Menge Musik

Lange habe ich nichts mehr geschrieben. Fast vier Monate sind nun vergangen, dass ich Senegal verlassen habe und ich muss noch weitere zwei oder sogar zweieinhalb Monate warten, bis ich wieder dort bin.
Ich war erst in Bottrop in Deutschland aber nicht sehr lange. Seit Ende Mai bin ich in Tschechien, wo ich seit 22 Jahren ein Haus auf dem Land habe. Hier verbringe ich seit 13 oder 14 Jahren den gesamten Sommer, meist bis Ende Oktober. Und so ist es auch dieses Jahr wieder und doch ist vieles anders.
Die letzten Jahre habe ich viel genäht, viel Schmuck gefertigt, ich habe Dutzende Gläser Marmelade gekocht, Gurken eingelegt, ich bin viel Fahrrad gefahren… all das habe ich dieses Jahr nicht oder so gut wie nicht gemacht.
Zum Einen habe ich noch viel Marmelade aus den Vorjahren und muss die Regale und auch die Gläser leeren, bevor ich neue befülle. Das Gleiche gilt für die eingelegten Gurken.
Fahrrad fahren kann ich leider gerade nicht. Ich habe seit einigen Wochen eine fiese Baker-Zyste in der Kniekehle, etwa so groß wie ein Hühnerei. Das ist nicht gefährlich aber sehr unangenehm. Laufen, insbesondere bergauf und bergab oder Treppen steigen fällt mir sehr schwer und ist mitunter sehr schmerzhaft. Noch habe ich nicht herausgefunden, was denn die Ursache für diese Baker-Zyste ist.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, einen sehr schönen Grund, warum ich vieles von dem, was ich in den letzten Jahren gemacht habe, diesen Sommer nicht mache. Ich mache viel Musik!
In Senegal habe ich viele westafrikanische Mandinka-Lieder gelernt und ich hatte mir vorgenommen, mit diesen Liedern aufzutreten.

Meinen ersten Auftritt hatte ich am 30. Mai auf einem Kinder- und Familienfest.
Und dann waren vier Wochen Pause. In der Zeit habe ich geübt, geübt und noch mehr geübt.
Denn die nächsten Termine standen ja bereits fest.

Miniyamba, ein altes traditionelles Mandinka-Lied aus Westafrika. Miniyamba ist eine Anakonda, eine große Schlange. Das Lied handelt von Vertrauen und Versprechen und den Folgen, wenn beides gebrochen wird.



Ende Juni hatte ich gleich zwei Auftritte an zwei Tagen und es hat großen Spaß gemacht!
Und dann wurde es irgendwie ein Selbstläufer, ich habe einige Anfragen und Einladungen bekommen, auf Festivals zu spielen, die ich supergerne und dankbar angenommen habe.
Überall war es toll, die Menschen mögen meine afrikanischen Lieder. Sehr oft schreiben mir irgendwelche Leute, die mich irgendwo gehört haben und fragen, wo ich als nächstes auftrete.
Ich habe nicht gedacht, dass es so gut laufen und so gut ankommen wird!
Das macht mir gerade richtig glücklich.

Ninki Nanka ist ebenfalls ein traditioneller Song aus Westafrika. Er handelt von einem riesigen, fauchenden Drachen mit einem großen Horn. Aber, so die Legende, solange wir singen und tanzen, kann uns der Drache nichts anhaben.


Ein ganz besonderer Auftritt war der am 6.9. auf dem Worldfest. Es bezeichnet sich auch als das kleinste World-Festival der Welt und ich bin jedes Jahr als Gast dabei. Und diesmal war ich als Musikerin dort.
Ich bin gemeinsam mit einem Bekannten aufgetreten, er hat auf indischen Tabla getrommelt und ich habe auf der Kora gespielt.

Maki handelt von einem König, der sich um Waisenkinder kümmert. Die Kinder lieben ihn und rufen ihm zu: „Wayo, wayo, maki na nande – komm her, komm her, Maki komm zu uns“


Zwei Auftritte liegen noch vor mir, vielleicht ergibt sich auch noch irgendwas zwischendurch.
Ich liebe diesen neuen Abschnitt in meinem Leben, mir selbst gibt die Musik unendlich viel.

Ende gut, alles gut

Heute morgen dachte ich noch, ich werde meinen Flug verpassen.
Aber der Reihe nach. Gestern lief unser Passavant ab. Das ist diese spezielle Einfuhrgenehmigung fürs Auto. Es war 30 Tage gültig und ausgerechnet gestern endeten diese 30 Tage.
Moctar, mein senegalesischer Ehemann wollte sich um die Verlängerung kümmern aber er war zwei Tage in Kafountine und sein Bus hatte ordentlich Verspätung, da hatte das Amt schon geschlossen.
Er fuhr zur Grenze nach Guinea-Bissau, das ist von Ziguinchor etwa eine halbe Stunde entfernt. Aber die Grenze schließt abends um 18 Uhr.
Mist, ohne Passavent können wir nicht fahren, wir müssen also morgen früh zum Amt und diese Verlängerung machen lassen.
Aber das Amt öffnet zwischen 9:30 Uhr und 10 Uhr, afrikanische Zeit

Ich dachte okay, wir packen alles ins Auto, fahren dort kurz hin und fahren dann weiter. Aber wir mussten mit dem Taxi fahren, denn wären wir in eine Polizeikontrolle gekommen – und von denenb gibt es viele – hätten wir ein Problem gehabt.

Wir also mit dem Taxi hin. Das Büro war gottseidank schon geöffnet und niemand sonst wartete. Der Officer war sehr nett und gab uns sofort den Stempel.
Also mit dem Taxi wieder zurück.
Es war etwa 10:15 Uhr, als wir zurückkamen und wir mussten uns nur noch ins Auto setzen.

Der Abschied von allen fiel mir schwer aber ich komme ja wieder.

Kurz hinter Ziguinchor wurden wir kontrolliert. Diesmal ging es nicht um Passavant oder Führerschein sondern um mein Gepäck. Meine Handtasche und mein kleiner Koffer wurden durchsucht. Drogen, speziell Gras. Ich schaute belustigt zu, ich hab ja noch nie in meinem Leben Drogen konsumiert. Und ein bisschen habe ich bedauert, dass ich nicht wenigstens einen anständigen Dildo im Koffer hatte.

Der Rest der Fahrt bis zur Grenze war dann unproblematisch. Unterwegs kauften wir noch Mangos, ich hatte versprochen, Mangos mitzubringen.
In Bignona habe ich 8 Mangos für 1000 cfa bekommen, das sind umgerechnet etwa 1,50 Euro.
Auch an der Grenze gab es keine Probleme. Wir waren so gut in der Zeit, dass wir noch was essen konnten.

Und nun sitze ich am Flughafen und warte auf meinen Check-in. Mein Mann ist bereits zurückgefahren, denn die Grenze zwischen Gambia und Senegal schließt um 19 Uhr. Und je nachdem, wie der Verkehr ist, würde es knapp werden. Ausserdem ist die Straße von Diouloulou nach Ziguinchor im Dunkeln nicht gut zu fahren.

Hinter mir liegt nun ein halbes Jahr Afrika.
Ich wollte ursprünglich 1/2 Jahr in Gambia bleiben und dort viel in Sachen Musik lernen: hauptsächlich traditionelle Mandinka-Songs, Kora spielen, trommeln.
Drei Wochen wollte ich in Abene (Senegal) verbringen, ich hatte mich dort zu einem Workshop angemeldet.
Ich wollte fotografieren, hauptsächlich Menschen, Frauen.

Ich hatte von allem etwas. Ich hatte mich getrennt (ich war zwei Jahre mit einem Mann in Gambia zusammen) und den Dezember habe ich alleine sehr genossen. Ich kenne etliche Menschen in Gambia, ich hatte viel Besuch, hab viel unternommen, hab mich mit vielen Bekannten getroffen.

Und dann kam Abene und ich hab mich neu verliebt. Das war weder geplant noch gewollt. Aber irgendwas hat mein Herz berührt.

Ich hab (traditionell) geheiratet, bin von Gambia nach Senegal gegangen Und hier habe ich einen absolut authentischen Blick vom Leben in der Casamance bekommen.

Ich habe meine Lieder gelernt, ich habe Fortschritte auf der Kora gemacht.

Ich könnte jetzt noch so viel mehr schreiben aber alles in allem war es eine aufregende, wertvolle und sehr schöne Zeit für mich, mitunter hat sie mich an meine Grenzen gebracht.

Ich nehme sehr vieles mit. Und ich werde wiederkommen, nächsten Winter.

Besuch auf dem Polizeirevier

Was wäre 1/2 Jahr Afrika ohne das Erlebnis, mit der korrupten Polizei Bekanntschaft gemacht zu haben?
Genau, gar nichts wäre das. Und deshalb nehme ich am Ende meiner Reise noch ordentlich was mit. Es geht um einen Führerschein und darum, dass man mein Auto als Pfand benutzen wollte, um eine halbe Million CFA zu erpressen.

Das Polizeirevier von außen

Aber der Reihe nach: ich habe mir letztes Jahr im Dezember in Gambia ein Auto gekauft, ich wollte ja ursprünglich das halbe Jahr in Gambia bleiben. Eigentlich hatte ich dort schon ein Auto, einen schwarzen Mercedes, C-Klasse. Das hat mein Ex-Freund von meinem Geld gekauft. Und nachdem er sich von mir getrennt hat, um eine andere zu heiraten, hat er sich mit dem Auto aus dem Staub gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht ein anderes mal erzählen werde.

Also, ich habe ein Auto mit gambischem Nummernschild. Und nun bin ich ja seit Ende Januar nebenan in Senegal. Wer denkt, das wäre ähnlich wie mit dem deutschen Auto nach Holland, Frankreich oder sonstwo in Europa zu fahren, irrt.

Man braucht nämlich eine Extragenehmigung, um das Auto aus Gambia auszuführen und in Senegal einzuführen. Die gambische Seite macht keine Probleme. Die haben mir das erste Mal 30 Tage und das zweite Mal 90 Tage aufgeschrieben, das reicht bis zu meinem Rückflug. Und die wollten gerade mal 100 Dalasis dafür, das sind nicht mal 1,50 €.

Aber die Senegalesen zicken rum. Die geben maximal 30 Tage und die kosten 7500 CFA, das sind 11,50 €. Man muss also vor Ablauf des Passavant zur Zollbehörde oder aber zur Grenze (Gambia oder Guinea-Bissau) und verlängern. Kostet jedesmal 11,50 €

Mein senegalesischer Mann hat einen senegalesischen und gambischen Führerschein. Wenn er mit meinem Auto fährt und kontrolliert wird, zeigt er den gambischen Führerschein. Und glaubt mir, mit gambischen Nummernschild wird man immer kontrolliert. Und die finden immer irgendwas, für das sie leider, leider eine Strafe erheben müssen. Z.B. weil man keinen Feuerlöscher im Auto hat. Oder weil man kein zweites Warndreieck hat. Oder weil man eine Kora hinten auf dem Rücksitz hat. Oder weil man mit Flip-Flops Auto fährt…

In der Regel sind es kleine Beträge, mal 2000 CFA, mal 3000 oder auch schon mal 6000…

Aber gestern hieß es, man darf keinen gambischen Führerschein haben, wenn man keinen festen Wohnsitz in Gambia hat. Und wir mussten zur Polizeiwache, höhere Dienststelle. Als erstes haben sie meinem Mann den Autoschlüssel abgenommen. Ich hätte den ja nicht rausgerückt. Und dann kam der Hammer: 500.000 CFA Strafe, das ist eine halbe Million und in etwa das Budget fürs Essen für 5 Monate! Die wollten mein Auto als Pfand behalten, bis wir das Geld zahlen.

Was sich auf der Polizeiwache abspielte, war unglaublich!

Wir saßen im Büro, mit dem diensthabenden Offizier und einer seiner Kolleginnen. Man hat uns halt die Kosten um die Ohren gehauen und danach haben sich die beiden anderen Dingen zugewendet. Es wurden Briefe diktiert und aufgeschrieben, irgendeine Ortschaft bei Google Maps gesucht, sie gingen Akten durch usw.

Der Wartebereich

Irgendwann durften wir aus dem Büro entlassen, um im Flur zu warten. Ich hab mir währenddessen etwas zu Essen geholt.

Insgesamt haben wir vier Stunden dort verbracht, danach ging ein Mitarbeiter mit uns zum Auto, damit wir unsere Sachen dort herausholen können.

Und da bin ich wütend geworden. Ich bin zu dem Offizier, der mittlerweile draußen stand, und habe (auf französisch!) mit Bestimmtheit und Nachdruck gesagt, dass das mein Auto ist und ich mir nichts zuschulden kommen lassen habe und ich jetzt mit meinem Auto nach Hause fahren möchte. Dass das Auto vollgepackt ist, weil ich drei Wochen weg war. Dass ich Musikinstrumente im Auto habe, sowie Laptop und eine komplette Kameraausrüstung und Koffer usw.

Ich habe den Autoschlüssel bekommen, musste aber meinen Ausweis da lassen. Immerhin war ich so schlau und habe meinen Personalausweis dort gelassen und nicht meinen Reisepass. Man weiß ja nie. Morgen müssen wir wiederkommen. Ich weiß noch nicht, wie wir das Lösen aber ich werde meinen Autoschlüssel nicht hergeben.

Fortsetzung folgt…

Zurück nach Abéné

Seit Dienstag bin ich wieder in Abéné, ganz im Norden der Casamance oder knapp unterhalb der Grenze zu Gambia. Zum Einen, weil ich die Hitze in Ziguinchor nicht mehr ertragen habe, wir hatten dort seit über vier Wochen Temperaturen zwischen 38 und 41 Grad, mein Zimmer dort glich einem Backofen. Zum Anderen aber auch, weil ich dringend an meinem Musikprogramm arbeiten muss. In 3 1/2 Wochen fliege ich zurück und so wie es ausschaut, habe ich vielleicht am 30.5. mein erstes Konzert mit westafrikanischen Liedern.

Ich habe eine Menge Lieder mit der wunderbaren Adama Cissokho gelernt aber ich muss sie arrangieren. Manche der Lieder haben nur eine Strophe und werden schnell langweilig, ich bin ja weder Chor noch Orchester, sondern stehe alleine mit meiner Ukulele oder Gitarre auf der Bühne.

Meine tschechische Bekannte Monika hat mir auf ihrem Grundstück Unterschlupf gewährt, hier war ich ja bereits im Januar zum Trommeln, Tanzen, Balafon- und Koraspielen. Hier gibt es viel Platz und vor allem eins: Ruhe. Denn die brauche ich, um mich musikalisch-kreativ auszutoben.

Kaira heißt Frieden und Kunda heißt Familie, beide Wörter entstammen aus dem Mandinka

Am Mittwoch bin ich mit Fieber aufgewacht. Na klasse, dachte ich mir, das fängt ja gut an. Wahrscheinlich irgendein Darminfekt, denn ich kam vom Klo nicht runter. Und so habe ich den Tag abwechselnd in meiner Hängematte und meinem Bett verbracht.

Am Abend ging es mir trotz 38,2 Grad Fieber so gut, dass ich ein paar Lieder arrangiert habe. Noch nicht die finale Fassung aber der Anfang ist gemacht.

Am nächsten Morgen war zumindestens das Fieber wieder runter. Ich nutzte den Vormittag zum spielen und üben. Erst auf der Ukulele, dann auf der Kora, dachte ich…

Aber eine der Stimmmechaniken ließ sich nicht mehr nach oben bewegen. Ausgerechnet die B-Saite auf der linken Seite. Die brauche ich in jedem Lied!

Was tun? Ich beschloss, aus der Not eine Tugend zu machen und zum Strand zu gehen. Der Weg zum Strand führt am Haus meines Kora-Lehrers Modou Konté vorbei. Und er war gerade draußen. Was ein Glück! Ich fragte ihn, ob er vielleicht eine Ersatzmechanik hätte… Ja! Hat er!

Und so änderte ich schnell meinen Plan, holte die Kora und lief zurück.

Doch bevor Modou meine Kora reparierte, gab es erst mal was zu Essen, Modou hatte nämlich gekocht.

Anschließend haben wir gejamt, mit Kora und Gitarre und viel Gesang, ich kann ja nun einige der typischen westafrikanischen Mandinka-Songs. Und dann gab es noch ein kleines Privatkonzert für uns, er hat zur Zeit nämlich noch einen Gast aus Frankreich bei sich.