Eine Woche voller Rhythmus. Und dann Stille.

Die letzten Tage waren laut. Trommeln, Stimmen, Lachen, Proben, Bühne. Ich hatte Workshops, ich habe zugehört, gespielt, gesungen. Viel Bewegung, viel Klang, wenig Pause.

Und jetzt sitze ich hier und bringe kaum einen Ton heraus. Aber der Reihe nach.

Seit letzter Woche nehme ich am Trommelworkshop teil. Afrikanisches Trommeln auf der Djembe.

Erst waren wir 7 Teilnehmerinnen, später 11. Dazu kommen Mockoulo, unser Lehrer und die drei Dundun-Spieler. Das ist ordentlich Wumms. Es macht totalen Spaß, obwohl es uns fordert, denn die Rhythmen sind nicht einfach. Wir haben „Barandosa“ gelernt, ein Rhythmus, der gerne getrommelt wird, bevor es ordentlich an die körperliche Arbeit geht.

Es gab jede Menge Konzerte: Mockoulo ist ein paar Mal mit seiner Band aufgetreten.

Dann hatten wir ein sehr schönes Konzert von Modou Konté, mein Koralehrer. Über 1 1/2 Stunden hat er für uns gespielt und wir haben dazu getanzt. Das war ein wunderschöner und unvergesslicher Abend!

Und ich bin aufgetreten! Vor etwa 30-40 Leuten, Einheimische und tschechische Workshopteilnehmerinnen. Es war ein sehr schönes Konzert und ein dankbares Publikum.

Ich hatte bislang Zweifel, wie es bei den Einheimischen ankommt, wenn eine weiße Europäerin traditionelle westafrikanische Lieder singt. Aber die Zweifel waren unbegründet. Es macht sie stolz, dass ich ihre Lieder interpretiere.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Und nun ist Stille, seit Mittwoch. Als ich am Dienstag Abend auftrat, spürte ich bereits die Erkältung in mir. Meine Stimme war am Anschlag und überall dort, wo ich ein Kapodaster verwende, setzte ich es 1/2 Ton tiefer.

Am nächsten Morgen war meine Stimme weg und das hat sich bis heute nicht gebessert. Dazu ein trockener, festsitzender Husten und leicht erhöhte Temperatur…

Ich schlafe viel und spreche nur sehr wenig.

Funfact: seitdem streiten Moctar und ich nicht. Und ich denke gerade drüber nach, was mir das sagen soll. 😂

Vielleicht sollte man Beziehungen manchmal einfach stumm schalten.

Abéné – wenn Kunst ein Zuhause hat, dann hier

Ich weiss noch, als ich in Abéné ankam, fühlte ich mich wie in einem Soundcheck. Der Kleinbus, der unsere Gruppe brachte, stoppte vor dem Compound, das für die nächsten drei Wochen mein Zuhause sein sollte, die Tür ging auf — und bevor ich überhaupt einen Fuß auf den Boden gesetzt hatte, war ich schon drin in dieser Welt aus Trommeln und Tanzen.
Vor uns standen etliche Trommler und Tänzer*innen, die einen herrlichen Lärm für uns machten. Selten habe ich mich so willkommen gefühlt wie in dem Moment.
Und da war mir klar: Ich bin hier als Musikerin angekommen und nicht als Touristin.

Ankunft in Abéné

Sehr schnell habe ich mich in den kleinen Küstenort verliebt. Es ist unfassbar grün dort, Palmen, Cashewwälder, Mangobäume und Mangroven bilden ein sattgrünes und schattenspendendes Dach über den vielen Nebenstraßen.
Teilweise kam es mir vor, als würde hinter dem nächsten Baum der Urwald beginnen, der mich verschluckt.
Es ist relativ ruhig dort. Kein Massentourismus, keine unangenehme Belästigung auf den Straßen oder am Strand. Stattdessen freundliche und aufgeschlossene Menschen.

Und nicht zu vergessen der naturnahe breite und kilometerlange Sandstrand am Atlantik. Je nach Wind sind die Wellen mal flach und ruhig oder auch mal stürmisch und hoch. Am Abend hört man sie weit bis ins Dorf hinein.


Aber der Hauptgrund, warum Abéné mein Ort wurde:
Es ist ein Brutkasten für Kunst und speziell für Musik. Es gibt dort eine so hohe Dichte von Musiker*innen und Tänzer*innen aller Art, wie ich es noch nirgends erlebt habe. Dazu kommen dann noch Batikkünstler*innen, Maler*innen und so vieles mehr. Und all das macht die Luft dort aus.

Genau deshalb kommen Menschen aus unterschiedlichen Ländern hierher, weil sie Teil dieser speziellen Kunst- und Musikkultur sein wollen. Denn man ist hier nicht nur Zuschauer*in, sondern man ist Teil davon.
Und speziell in den Wintermonaten sind überall Workshops, von überall her tönt Musik, hauptsächlich Trommeln natürlich. Bis tief in die Nacht hinein. Ich habe es geliebt und habe verdammt gut mit der rhythmischen Musik im Hintergrund geschlafen.

Was mir auch angenehm auffiel: Abéné ist nach wie vor ein Ort für die Einheimischen. Ich habe dort keine Resorts oder Privatstrände gefunden, die für die einheimische Bevölkerung nicht zugänglich waren, so wie ich das z.B. auf Sansibar oder Kenia gesehen habe.

Ich freue mich riesig auf mein Winter-Zuhause! Von nun an jedes Jahr von Dezember bis April/Mai.
Und wer weiss, vielleicht treffen wir uns dort?


Allgemeine Informationen:
Abéné liegt an der Atlantikküste im Süden Senegals und gehört zur historischen Region der Casamance. Es ist ein Küstendorf mit Strandlage, Mangroven, Wald-/Sumpfgebiet in der Umgebung.
Hier leben etwa 2000-3000 Einwohner*innen, es gibt keine aktuellen Zahlen. 2002 waren es 1935 Einwohner*innen.
Hauptsächlich sind es Angehörige der Ethnien der Diola (Jola) und Mandinka.
Neben den lokalen Sprachen wie Diola oder Mandinka wird Französisch gesprochen, durch die Nähe zu Gambia können viele aber auch Englisch.

Balafon und Kora

Kora spiele ich nun seit 1 1/2 Jahren. Oder besser, ich lerne auf ihr zu spielen. Hier in Abene hat Monika, die diesen dreiwöchigen Kurs organisiert, einen Koralehrer für mich gefunden. Ich hatte bereits von zuhause Kontakt mit seiner polnischen Frau aufgenommen und wir haben erstaunt festgestellt, dass wir uns bereits auf dem Afrobeats-Festival in Polen begegnet sind. Dort hat Modou das Festival mit seinem Kora-Konzert eröffnet und er hat den Gesangs-Workshop geleitet. Die Welt ist halt klein.

Ebenfalls hat Monika einen Balafonlehrer für mich organisiert, er heißt Demico und bringt zwei große Balafone mit.

Am ersten Tag lerne ich Salya. Natürlich nur die einfachere Begleitung. Demico spielt das Solo dazu. Es macht großen Spaß. Schade ist nur, dass Demico nur französisch spricht und wir schlecht miteinander kommunizieren können.

Auch auf der Kora mache ich Fortschritte. Ich merke, dass ich die Saiten endlich zuordnen kann, welche Saite hat welchen Ton und wo ist die dazugehörige Oktavseite. Und ich lerne ein besonders schönes Stück, es heißt Maki.

Bis ich aber dazu singen kann, wird es noch lange brauchen.

In meiner nächsten Balafonstunde lerne ich Bani Le, das kann ich bereits auf der Kora spielen. Überhaupt haben Balafon und Kora vieles gemeinsam, beide sind in F dur gestimmt, haben also die gleiche Tonleiter.

In jeder Stunde lerne ich etwas Neues und Demico hebt das Tempo an. Ich lerne nicht nur ein neues Stück, sondern zwei oder gar drei. Und er macht mir ein sehr schönes Kompliment: er sagt, dass manche seiner Schüler mehrere Wochen für das brauchen, was ich in einer Stunde lerne. Und auch, wenn ich finde, dass Lernen kein Wettbewerb ist, freue ich mich darüber.

Am letzten Abend kommt mein Koralehrer Modou mit seiner Frau Kasia zum Abendessen vorbei. Nach dem Essen gibt es für unsere Gruppe ein kleines Konzert. Und das erste Lied spielen wir gemeinsam: Maki. Ich bin sehr stolz auf mich.

Musik machen in Abene

Die letzten zwei Jahre war ich zum Trommeln in Gambia. Doch diesen Winter wollte ich nach Abene in Senegal. Trommeln, tanzen, Kora spielen, Balafon ausprobieren, zum Festival gehen…

Am 27.12.2024 treffe ich morgens den Rest der Gruppe im Sukuta Nema Guesthaus. Unser Microbus und unsere senegalesischen Begleiter sind bereits da. Während wir frühstücken, packen sie alles aufs Dach des Busses. Meine Kora, darauf bestehe ich, kommt INS Auto und nicht aufs Dach.

Kurz darauf fahren wir los. Nach etwas mehr als einer Stunde erreichen wir die gambische Grenze. Wir müssen ausreisen, d.h. unsere Pässe vorzeigen und Fingerabdrücke digital hinterlegen. Die Grenzbeamtin ist sehr nett.

Etwa einen Kilometer weiter ist die senegalesische Grenze. Hier müssen wir wieder aussteigen und unsere Pässe vorzeigen. Dann, etwa 200 Meter weiter wieder aussteigen und diesmal reisen wir ein, d.h. unsere Pässe werden erfasst und abgestempelt.

In der Zeit versuchen uns zahlreiche Kinder Kekse und Mandarinen zu verkaufen. Weil sie auch Dalasi annehmen, kaufe ich zwei Beutel mit Mandarinen.

Endlich können wir weiter fahren. Mir fällt auf, dass es am Straßenrand sehr viel sauberer ist als in Gambia.

Nach kurzer Zeit erreichen wir Abene und den Ort der nächsten drei Wochen. Wir werden mit viel Tamtam begrüßt.

Das Gepäck wird ausgeladen und die Zimmer verteilt. Den Rest des Tages passiert nicht mehr viel. Einige gehen zum Strand. Ich hatte genug Strand letzten Monat.

Am Abend machen wir ein Lagerfeuer und ich hole meine Kora. Siakka, ein junger Senegalese, spielt auf ihr.

Und noch viel später gehen wir zum bekannten Festival. es findet seit 30 Jahren statt, immer in der letzten Woche im Dezember.

Was ich zu sehen und hören bekomme, begeistert mich! Singende und tanzende Frauen aus der Casamance, Trommelmusik aus Guinea-Conakry und junge, moderne Popmusik aus Gambia. Erst spät in der Nacht laufen wir wieder zurück.

Endlich, Senegal!

Mein erster Trommellehrer, Mamadou Bye Diop, war aus Senegal. Zehn Jahre habe ich mit ihm getrommelt, das ist jetzt gute 30 Jahre her. Er wollte immer mit unserer Trommelgruppe nach Senegal, uns seine Heimat zeigen aber es ist nicht dazu gekommen.

Die letzten zwei Jahre war ich mit einem Senegalesen zusammen, wir hatten uns im Januar 2023 in Gambia kennengelernt. Er war mein Trommellehrer. Und ich dachte, jetzt schließt sich der Kreis und ich komme endlich nach Senegal. Aber die Beziehung war vorbei, bevor ich auch nur einen Fuß auf senegalesichen Boden setzen konnte. Davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal. Vielleicht aber auch nicht, denn es ist Vergangenheit und die Gegenwart bietet gerade weitaus spannendere Geschichten.

Zufällig habe ich im Frühjahr im Internet ein schönes Angebot für einen dreiwöchigen Workshop in Abene in Senegal entdeckt. Der Workshop wird veranstaltet von einer Tschechin, Monika Diatta-Rebcová. Ich hatte mich spontan angemeldet und wenige Wochen später traf ich mich mit ihr, um sie persönlich kennenzulernen und Details zu besprechen.

Am 27.12. traf ich die übrigen Teilnehmer:innen in Sukuta in Gambia und gemeinsam überquerten wir die Grenze zu Senegal. Endlich, nach über 30 Jahren, war ich in Senegal!

Mein erster Eindruck war überaus positiv. Ich sah keinen Müll am Straßenrand, so wie ich es von Gambia gewohnt bin.
Und Abene war überraschend grün, so unglaublich viele Bäume!

Drei Wochen wollte ich bleiben und trommeln, tanzen, Kora und Balafon spielen.
All das habe ich getan. Ich habe drei wunderschöne Wochen mit fantastischen Menschen aus Tschechien und Senegal verbracht. Ich habe viel gelernt und große musikalische Fortschritte gemacht.

Und noch etwas ist passiert, davon erzähle ich aber später, in einem meiner nächsten Beiträge.

Gerne mache ich unbezahlte Werbung für die Workshops von Monika in Abene. Wenn ihr Lust auf afrikanisches Trommeln und Tanzen habt und die besten Lehrer haben möchtet, seid ihr dort bestens aufgehoben.
https://senegalsky-workshop.webnode.cz/

Erste Erfahrungen mit Afrika

Heute reisen wir noch weiter zurück. Und zwar in die Anfänge der 1990er Jahre. Es muss 1992 gewesen sein, so ganz genau weiss ich es nicht mehr.
Damals habe ich studiert, ich war ziemlich am Ende des Studiums (Sozialarbeit) und habe bereits über das Thema meiner Diplomarbeit nachgedacht. Ehrenamtlich habe ich mich seit einigen Jahren in der Eine-Welt-Arbeit engagiert. Ungefähr einmal pro Woche habe ich unentgeltlich den Dienst im Hohenlimburger Eine-Welt-Laden übernommen.
Der Verein, der hinter diesem Laden stand, hat in Kooperation mit der Kirchengemeinde einen Workshop angeboten, ein Wochenende lang trommeln und tanzen mit einer Gruppe aus Ghana. Ich hatte große Lust darauf und habe mich angemeldet.
Es war toll! Mir hat das Trommeln auf den Kpanlogos großen Spaß gemacht aber auch die traditionellen Tänze, da war so unglaublich viel Energie darin.
Am Ende des Workshops haben die Ghanaer Prospekte verteilt und uns erzählt, dass wir auch nach Ghana kommen können, um vor Ort trommeln und tanzen zu lernen und mit den Menschen dort 3-4 Wochen zu leben, zu kochen, zu feiern.
Oh, das wollte ich so gerne machen! Nach dem Ende meines Studiums wollte ich mir diese Reise gönnen.

Ich hatte mich bald informormiert, worauf ich bei einer Reise nach Ghana achten müsste. Damals hatten wir noch kein Internet, das Beschaffen von Informationen war sehr viel schwieriger als es das heute ist. Und ich fing an, jeden Monat eine kleine Summe zurückzulegen, nach meinem Studium, also im Frühjahr 1993 wollte ich nach Ghana.
Doch dann passierte das Unvorhergesehene: ich wurde im Herbst/Winter 1992 schwanger. Und damit war die Reise nach Ghana nicht mehr machbar. Ich hätte viele der nötigen Impfungen als Schwangere nicht machen können und auch die Malariaprophylaxe gestaltete sich als Schwangere als unmöglich. Und überhaupt rieten mir alle davon ab, als Schwangere nach Afrika zu reisen. Und wie ich schon erwähnte, damals hatten wir kein Internet. Keine Foren, kein Youtube, kein Instagram oder Facebook, wo wir entsprechende Menschen oder Gruppen hätten finden können, die eine solche Reise gemacht hatten und von ihren Erfahrungen berichten konnten.

Damit war der Traum von Afrika erst einmal zu Ende geträumt. Im August 1993 wurde mein erstes Kind geboren, im Juli 1995 mein zweites Kind. Mit zwei kleinen Kindern wollte ich auch nicht nach Afrika, auch hier rieten mir alle davon ab: zu gefährlich und risikoreich, insbesondere für die Gesundheit der Kinder. Und welches Elternteil mag schon die Gesundheit seiner Kinder riskieren?

Heute würde ich das anders sehen aber heute habe ich selbst Erfahrungen machen dürfen und vielleicht ist es heute, 32 Jahre später, auch anders.
Damals war es die richtige Entscheidung.