Wenn ‚gleich‘ nicht gleich bedeutet

Gott gab den Europäern die Uhr und den Afrikanern die Zeit.

Ich habe diesen Satz vor Jahren irgendwo gelesen und dachte mir, was für eine schöne Metapher! Ein bisschen poetisch, ein bisschen exotisch, ein bisschen „ach wie anders ist doch die Welt“.

Heute, nach vielen Wochen und Minaten Afrikaerfahrung, denke ich: Der Satz ist nicht schön. Er ist präzise. Und manchmal auch brutal.

Zeit ist hier nicht einfach langsamer. Sie ist anders gebaut. Sie funktioniert nicht wie ein System, das man wie bei uns mit Terminen, Listen und guter Organisation in den Griff bekommt. Zeit ist hier nicht etwas, das man „hat“. Zeit ist etwas, das passiert.

In Europa trägt man die Uhr wie ein Werkzeug. Man richtet sich danach. Hier wirkt sie manchmal eher wie ein modisches Accessoire. Ein Ding, das man zwar besitzt, das aber im Alltag erstaunlich wenig Beachtung findet.

Wie oft habe ich gedacht: Das müsste doch jetzt mal klappen. Oder: Das kann doch nicht so schwer sein. Oder mein persönlicher Favorit: Warum dauert das so lange?

Und dann kommt dieses Wort. Dieses kleine, unscheinbare Wort, das mich inzwischen mehr herausfordert als meine Kenntnisse in Mandinka, Wolof oder Französisch.

„gleich“.

Gleich heißt hier nicht „in fünf Minuten“. Gleich heißt eher: Irgendwann. Wenn es passt. Wenn die Dinge bereit sind. Wenn die Welt kurz Platz macht. Das ist vielleicht am Nachmittag, vielleicht am Abend, vielleicht aber auch erst morgen.

Das klingt erst einmal entspannt. Und ja – manchmal ist es das auch. Manchmal ist es sogar wunderschön. Denn während ich in Europa Wartezeit oft als verlorene Zeit empfunden habe, ist sie hier selten leer. Menschen sitzen zusammen, reden, lachen, trinken Tee, schauen einfach in die Gegend. Niemand scheint das Gefühl zu haben, dass ein Moment wertlos ist, nur weil er nicht produktiv ist. Niemand hetzt und wenn ich später komme… was soll’s. Kein Problem.

Und trotzdem: Es gibt Tage, da ist „Zeit haben“ kein Geschenk, sondern ein Test. Ein Test für Geduld. Für Vertrauen. Für Nerven. Und manchmal auch für die eigene Arroganz.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Die Uhr gibt mir das Gefühl von Kontrolle. Die Zeit nimmt sie mir wieder weg.

„Vielleicht stimmt dieser Satz also wirklich. Gott gab den Europäern die Uhr. Und den Afrikanern die Zeit. Und ich stehe dazwischen und lerne gerade, dass beides seinen Preis hat.“